Sonntag, 26. Februar 2017

Wie authentisch wird die neue Mittelalterbaustelle des Geschichtsparks Bärnau-Tachov? - Ein Interview mit dem Archäologen Stefan Wolters



Eine mittelalterliche Kaiserpfalz möchte man in Bärnau laut Medienberichten innerhalb von rund 20 Jahren errichten. Mehr noch: In dem oberpfälzischen Ort soll ein komplettes Archäo-Zentrum für Bayern und Böhmen entstehen. Von 3,3 Millionen Euro an Investitionen ist die Rede.
Über die Details dieses Vorhabens werde ich mich in folgendem Interview mit Stefan Wolters - dem wissenschaftlichen Leiter des Geschichtsparks Bärnau-Tachov – unterhalten. 



Sehr geehrter Herr Wolters, warum möchte man in Bärnau demnächst eine Kaiserpfalz bauen und nicht beispielsweise eine Kirche oder Burg? Besteht ein Bezug zwischen der geplanten Kaiserpfalz und der lokalen Geschichte? 
Was in der Presse immer Kaiserpfalz genannt wird, heißt in der Projektplanung eigentlich Reisestation Kaiser Karls IV. Bärnau liegt genau an der Trasse der Goldenen Straße, einem Altwegesystem, das von Nürnberg nach Prag und darüber hinaus führt. Bärnau ist der Grenzort direkt an der Grenze ins Tschechische und zudem genau auf der Mitte zwischen Nürnberg und Prag. Karl förderte diese Route und es gelang ihm durch Gebietskauf und –tausch sein Land um das sogenannte „Neuböhmen“ zu erweitern, so dass er auf eigenem Territorium bis Lauf kurz vor Nürnberg reisen konnte. Auf seinen zahlreichen Reisen nächtigte er in Städten, die er oft zum Erhalt der Treue und Gewogenheit mit Privilegien beschenkte. Die tschechischen Kollegen gehen aber auch davon aus, dass er auf seinen Strecken eigene Reisestationen unterhielt, um nicht auf fremdes Wohlwollen angewiesen zu sein. Den idealtypischen Nachbau einer solchen Reisestation wollen wir hier als Rahmen unserer experimentellen Mittelalterbaustelle erstellen.
Karl IV ist bekanntlich hochverehrt in der tschechischen Geschichtsschreibung („Pater patriae“) und so lag es nahe, im Zeitraum des 14. JH. etwas auszuwählen, das mit ihm in Verbindung steht. Direkt vor Ort gibt es aber keinen archäologischen Nachweis einer solchen Anlage und im Gegensatz zu unseren bisherigen Bauten wird es keine Rekonstruktion aus einem spezifischen Grabungsbefundkomplex sein.

Also keine Kaiserpfalz, sondern eine kaiserliche Reisestation. Ich danke Ihnen, dass Sie diesen Punkt richtiggestellt haben und - im Gegensatz zu ähnlichen Projekten - nicht aus Marketing-Gründen falsche Superlative verwenden.
Welche Abmessungen wird der Komplex haben? Welche einzelnen Gebäude sollen entstehen? An welchen historischen Quellen wird man sich orientieren? Wann ist der Spatenstich? Und gibt es schon einen detaillierten Bauplan?
Die Zusammenstellung der einzelnen Gebäude orientiert sich an dem Nutzungskonzept einer solchen Reisestation: Es handelt es sich um einen Pallas zur standesgemäßen Unterbringung, einer kleinen Kapelle, zwei Ställen / Werkstätten, die auch Unterkunfts- und Lagermöglichkeiten bieten, einem festen Torhaus mit Wachstube, sowie einer umgebenden Mauer, die sowohl Schutz bieten soll, als auch eine Rechtsgrenze bildet. Die zwei untergeordneten Bauten werden in Fachwerktechnik errichtet, bei allen anderen Gebäuden handelt es sich um steinerne Massivbauten.
Das umbaute Areal wird am Ende ungefähr 35 x 40m betragen. Zur Beantragung musste natürlich zunächst ein Plan erstellt werden, wobei ich auf existierende Gebäude passender Zeitstellung und bauforscherische Untersuchungen zurückgriff oder von diesen Gebäuden typische Abmessungen, Konstruktionsweisen, Stilelemente und ähnliches verwendete, um so einen verständlichen Eindruck des Projektes und seiner Dimensionen zu vermitteln.
Trotz der Recherche ist der Plan jedoch lediglich eine Visualisierung, er gibt quasi einen Rahmen vor. Die zur Anwendung kommenden Details und Techniken der tatsächlich entstehenden Bauwerke, werden in wissenschaftlichen Seminaren von den Unis erarbeitet und dann hier umgesetzt.
Es ist natürlich unmöglich im Detail schon in der Antragsphase die Bauzeit oder gar den genauen Materialbedarf festzulegen und so kann es sich hier nur um Näherungswerte handeln, nichtsdestotrotz bildet der eingereichte Plan natürlich den „roten Faden“ für die Ausführung, denn man kann ja nicht komplett ins Blaue hinein bauen und grobe Richtwerte zur Kalkulation, zur Materialbeschaffenheit, zur Größe und zu geplanten Gebäudearten müssen angeboten werden.
Als Zielsetzung steht jedoch ein fertiges Gebäude, sondern vielmehr der Weg dorthin. Die Reisestation ist sozusagen ein Freiluftlabor, in dem sich Archäologen, Bauforscher und vielleicht sogar Restauratoren verschiedensten Techniken, Handwerken, (Re-)Konstruktionsweisen und Nutzungsversuchen nähern können.
Baubeginn des Gesamtprojektes ist der offizielle Spatenstich am 29. März 2017, hier wird mit dem modernen Gebäude der „ArchaeoWerkstatt“ begonnen, im Sommer 2017 soll das Mittelalterareal begonnen werden, doch spielt hier natürlich auch die ungleich kompliziertere Genehmigungsprozedur eine Rolle.
Ich möchte Ihnen hier noch keinen Plan an die Hand geben, er ist nicht zur Publikation oder zur öffentlichen Diskussion geeignet, solange wir ihn mit den Projektpartnern noch nicht zu Ende besprochen haben. Zwar wäre es mit den Erläuterungen dieses Interviews unmissverständlich, doch kann man nicht davon ausgehen, dass er immer mit dem Text geteilt würde und es wäre mir zu umständlich auf all die zu erwartenden fehlgeleiteten Diskussionen einzugehen.

Der Geschichtspark Bärnau-Tachov verfügt bereits jetzt über etliche im Mittelalter angesiedelte Gebäuderekonstruktionen (siehe obiges Bild), die immer wieder von Living-History-Darstellern belebt werden. Erweitert man die Anlage um eine kaiserliche Reisestation aus rein wissenschaftlichen Gründen oder spielen auch wirtschaftliche Interessen seitens der Geldgeber eine wichtige Rolle?
Diese Frage scheint mir insofern wichtig zu sein, da die Erfahrung mit ähnlichen Projekten leider gezeigt hat, dass der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn gerne mal zugunsten der touristischen Vermarktung hintangestellt wird. Oder wie Faust sagt: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles …
Wie Sie sicher wissen, sind wir ein vereinsgetragenes Museum, das seinen Unterhalt aus seinen Einnahmen generiert, darum liegen bei uns wissenschaftliche und wirtschaftliche Interessen nicht allzu weit auseinander. Angesichts des Arbeitsaufwandes und des persönlichen Einsatzes ist es erwiesenermaßen auch eine „Überzeugungstat“, unser Projekt weiter zu entwickeln. Momentan haben wir 30 Nachbauten in drei Zeitfenstern (9. JH. – 11. JH. – 12./13. JH.) und haben uns auf den regionalen Holzbau spezialisiert. Die Entscheidung nun auch das 14. JH. zu thematisieren und den Steinbau zu betrachten hat aber auch museale Hintergründe. Es gibt in der Region das sehr gute klassische Freilandmuseum Neusath-Perschen, mit seinen translozierten Häusern des späten 16. bis 20. JH., wenn wir nun mit unseren Nachbauten die Lücke schließen, kann man die technologische und strukturelle Entwicklung unserer Wohnkultur mit dem Besuch von zwei Museen abdecken.
Ich mache aber auch keinen Hehl daraus, dass die Beteiligung dreier namhafter Universitäten aus Deutschland und Tschechien uns unserem „Traum“ einer (wenigstens) Teilinstitutionalisierung und somit einer Existenzsicherung näher bringt.
Der Nachbau unserer spätmittelalterlichen Reisestation ist aber auch nur ein Aspekt des neuen Projektes „ArchaeoCentrum Bayern – Böhmen“.
Beginnen werden wir mit dem Bau der „ArchaeoWerkstatt“, einem Gebäude mit Labor-, Büro- und Veranstaltungsflächen, in dem Archäologen der Universitäten Bamberg, Pilsen und Prag mit ihren Studenten Fundmaterial analysieren und untersuchen können. Hieraus soll die Konzeption von Versuchen zur experimentellen Archäologie folgen und schließlich in der Freifläche des Museumsareals die Umsetzung dieser Versuche. Bei dem gesamten Prozess ist die Öffentlichkeit zugelassen und erwünscht. In den drei Jahren Projektdauer sind an die 200 Veranstaltungen vorgesehen, wie Workshops, Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen, zusätzlich zu den Forschungsarbeiten, die in der Vorbereitungsphase sind. Ab März wird es einen Veranstaltungskalender geben und wir steigen in die Bewerbung der grundsätzlich kostenfreien Veranstaltungen ein. Wir beginnen mit einem Auftaktvortrag und der Logo-Vorstellung am 28.02.2017 in Pilsen, am Westböhmischen Museum, einem unserer Partner. Das Ziel ist es, ein Bewusstsein zu wecken, für den historisch gewachsenen gemeinsamen Kulturraum beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze.
Da die Zeit von der Genehmigung des EU-Projektes Ende Dezember 2016 bis zum Projektstart im Januar 2017 doch sehr kurz war, beginnen wir öffentlich mit einer Vortragsreihe, während wir hier in Bärnau auf absoluten Hochtouren den Bau der ArchaeoWerkstatt vorantreiben (inklusiver aller Genehmigungen) die innerhalb eines Jahres fertiggestellt werden soll. Im Sommer wird dann die Mittelalterbaustelle starten.

Die gesamte Bauzeit soll 20 Jahre betragen. Gibt es innerhalb dieses Rahmens klar definierte jährliche Bauziele? Wäre es in finanzieller Hinsicht problematisch, falls es länger als geplant dauert? Und worauf beziehen sich die von Ihnen genannten "drei Jahre Projektdauer"?
Wir starten unser Vorhaben mit einem grenzüberschreitenden EU-Projekt. Für dessen dreijährige Förderzeit haben wir einen Veranstaltungsplan mit unseren Partnern ausgearbeitet und mussten natürlich auch einen Bauzeitenplan einreichen.
Zunächst war es schwierig den Gremien zu vermitteln, dass wir hier nicht etwas anfangen, was nach drei Jahren fertig da steht (dies ist die übliche Annahme bei EU-Projekten). Daraufhin haben wir die Nachhaltigkeit nachgewiesen (niemand möchte nach drei Jahren eine Bauruine in der Landschaft stehen haben) und ein Betriebskonzept für die Zeit nach der Förderung geschrieben; hierzu gehört auch ein gemeinsames Memorandum der beteiligten Universitäten, in dem sie eine Zusammenarbeit über die Projektdauer hinaus vereinbaren.
Nach Abschluss der dreijährigen Projektphase soll der moderne Bereich bereits gut eingespielt laufen und regelmäßig von den Studenten der beteiligten Unis genutzt werden.
Die Reisestation sollte mit umlaufender Mauer und allen Gebäuden aus dem Fundamentbereich heraus sein, damit Besucher Größe und Struktur erfassen können. Eines der Fachwerkgebäude und das Torhaus mit anschließenden Mauerpartien sollten bis in den Dachstuhlbereich fertiggestellt sein, damit auch Zimmerei und Dachdeckung gezeigt werden können.
Von Anfang an ist unser „Freiluftlabor“ als Dauerbaustelle konzipiert gewesen, so dass es eigentlich die Problematik der Verzögerung nicht gibt und wir die Bauzeit für die Reisestation ohnehin nur auf Wunsch der Presse so genau mit 20 Jahren spezifiziert haben.

Wie viele Personen werden sich am Bau des Gebäudekomplexes beteiligen? Und wer wird die Hauptlast der zu bewerkstelligenden Arbeiten tragen? Festangestellte? Vereinsmitglieder / Ehrenamtliche? Oder wird man eine Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur anstreben, um auf sogenannte 1-Euro-Jobber zurückgreifen zu können – wie das bei ähnlich gelagerten Projekten der Fall ist?
Den Geschichtspark haben wir fast komplett mit ehrenamtlichen Kräften gebaut. Der Verein hat derzeit ca. 600 Mitglieder und in ca. 55.000 Stunden wurde das größte archäologische mittelalterliche Freilichtmuseum Deutschlandes errichtet – dies war eine tolle und mitreißende Erfahrung, doch waren wir uns alle einig, dass sie einmal reicht. Im neuen Projekt wird verstärkt auf Fachkräfte zurückgegriffen. Der moderne Bauteil wird komplett beauftragt und der Verein liefert hier nur zu.
Ein Problem vieler Ansätze in der experimentellen Archäologie ist die Tatsache, dass die wissenschaftliche Motivation und das Engagement häufig nicht mit handwerklichen Fertigkeiten vergemeinschaftet sind. Wir werden natürlich vieles mit Studenten und interessierten Laien bauen und durchführen, doch werden zu deren Anleitung stets vier festangestellte Handwerksmeister zugegen sein, jeder Workshop, jedes Experiment wird zudem von Archäologen der beteiligten Universitäten überwacht und dokumentiert und ich werde von dem Trägerverein in eine Anstellung an der Uni Bamberg wechseln und ständig vor Ort die Gesamtkoordination leisten. Außerdem sind zwei Projektleiter eingestellt, einer für die Vernetzung mit Tschechien und eine für den kaufmännischen Bereich. Der Trägerverein bildet die Verbindung in die Region und der Wissenschaftliche Beirat, der bereits für den Geschichtspark als „Kontrollorgan“ fungierte begleitet auch das neue Projekt, zusammen mit den Lehrstuhlinhabern und den beteiligten Museumsleitern aus Prag und Pilsen.
Mitarbeitsmöglichkeiten wird es auch in Form von Praktika geben, außerdem stehen wir in Kontakt mit dem Europäischen Freiwilligendienst und über die Jugendbauhütte kann man sich für ein freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege bewerben.
Mit all diesen Möglichkeiten konnten wir bereits beim Bau des Geschichtspark gute Erfahrungen sammeln, doch wird sich ihre Funktionalität am neuen Projekt natürlich erst erweisen müssen.

Dem Vernehmen nach sollen nur handwerkliche Methoden und Werkzeuge des Mittelalters im Rahmen Ihres Bauprojekts Verwendung finden. Trifft dies zu? Oder wird man, etwa beim Planieren des Baugrundes, nicht mitunter doch auch auf modernes Gerät zurückgreifen, damit es schneller geht? Selbst bei der von den Medien viel gerühmten Mittelalterbaustelle Guédelon wurde ja dergestalt ‘gemogelt‘.
Tatsächlich ist dies ein heiß diskutiertes Problem und es gibt für beides ein Für und Wider, die Planie des Baugrundes und das Ausheben der Fundament sind natürlich Arbeiten, die lang und unspektakulär sind, wenn man nicht über erhebliche Personalmengen gebietet. Wir werden natürlich auch immer ein Projekt mit großer öffentlicher Wahrnehmung sein und wenn man nach einem Jahr noch immer bei den Erdarbeiten ist, könnte eine ziemliche Ernüchterung eintreten – andererseits, wie sollten denn ernstzunehmende Aussagen oder gar experimentelle Archäologie im Bereich der Großbautechnologie möglich sein, wenn man von vornherein mit modernen Maschinen arbeitet. Vielleicht ist eine Mischform denkbar?
Wenn man einen Teil der Fläche mit Originaltechniken vorbereitet und einen Teil dann aus den genannten Gründen maschinell, dann ließe sich sogar noch ein direkter Vergleich der gewonnenen Resultate ziehen. Dem Fundamentgraben dürfte es letztendlich „egal sein“, ob er von Hand oder mit dem Bagger ausgehoben wurde, doch die Verdichtung des umgebenden Baugrundes und damit zum Beispiel die Drainagefähigkeit spielt natürlich schon eine Rolle.
Was aber komplett unterbleiben muss, ist es, moderne Konstruktionsweisen anzuwenden, also zum Beispiel den Baugrund komplett abzuschieben und aufzuschottern oder moderne Hilfsfundamente anzulegen. Fest steht, dass auf jeden Fall in allen Bauschritten mit Originaltechniken und Werkzeugen begonnen werden muss, bis eine belastbare Datengrundlage über die jeweilige Technik vorliegt. Im Verein, auf der Projektleiterebene und im Wissenschaftlichen Beirat gibt es derzeit ein klares Votum für einen völligen Verzicht auf moderne Methoden.
Wir werden unsere Erfahrungen sammeln und dynamisch entscheiden, wie insgesamt zu verfahren ist. Auf keinen Fall darf hier aber verschleiert oder schöngefärbt werden, werden Kompromisse nötig, so gehören diese benannt und erklärt (aber am besten vermieden!).

Diese Einstellung gefällt mir. Wie stark funkten Ihnen aber bisher die Behörden bei Ihrem Bestreben dazwischen, möglichst authentisch zu bauen? Wurden z.B. konkrete Auflagen zur Konstruktionsweise von Gebäuden erteilt, die eigentlich nicht mit den historischen Quellen konform gehen?
Während ich vom Bajuwarenhof Kirchheim gehört habe, dass es dort diesbezüglich keine nennenswerten Probleme gab, wird seitens der Mittelalterbaustelle Campus Galli der Eindruck erweckt, dass aus Gründen der Statik selbst simple Fachwerkbauten mit anachronistischen Stahlarmierungen in überdimensionierten Mörtel-Fundamenten verankert werden müssen.
Weder bei den Vorgesprächen zum neuen Projekt, noch bei der Umsetzung der bisherigen Bauten mussten wir durch behördliche Auflagen von den mittelalterlichen Bauweisen abweichen. Es gab keine Metalleinbauten, Betonfundamente, Konservierungsmethoden oder konstruktive Einwände. Unsere Pfosten ruhen auf Unterlegsteinen im Erdreich und sind durch Hitzeeinwirkung oder Holzteer geschützt.
Komplexe, archäologisch nachgewiesene Holzverbindungen geben den Häusern ihre Standfestigkeit.
Lediglich im Bereich der Schindeldeckung haben wir häufiger Nägeln aus Eisen verarbeitet, als es die Sozialstruktur unserer dörflichen Bauten nahelegen würde. Archäologisch ist der Nachweis für die Schindelnägel dieser Zeitstellung zwar erbracht, doch hätte die einfache Bevölkerung doch wohl eher auf Holzstifte zurückgegriffen.
Leider wurden aber im Bereich der Besuchersicherheit Treppengeländer vorgeschrieben, wo ich keine rekonstruiert hätte (z.B. am Aufgang zur Turmhügelburg), hier war die einfache Vorgabe: Begehbarkeit für Museumsbesucher oder kein Geländer. Dies sind aber alles Punkte, auf die die Museumsführer auch offen hinweisen.
Ein großes Problem wird meiner Meinung nach die Frage des Arbeitsschutzes auf der neuen Baustelle sein. Ich bin nicht bereit im steinernen Massivbau Leib und Leben unserer Mitarbeiter zu riskieren und auf Sicherheitsschuhe, Helme, Handschuhe oder Schutzbrillen (für Steinmetze) zu verzichten, um pittoreske Baustellenbilder zu kreieren. Vergleichbare Projekte einschließlich Guedelon, konnten dort noch keine annehmbaren Lösungen liefern und eigentlich würde ich dann lieber auf Mittelalterkostüme auf der Baustelle verzichten – außer an speziellen Aktionstagen mit abwägbarem Risiko!
Hier führen wir auch noch engagierte Diskussionen im Team und eine letztendliche Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Beim Bauen soll Ihnen - wie Sie bereits erwähnten - ein wissenschaftlicher Beirat zur Seite stehen. Die Erfahrung mit ähnlichen Projekten hat freilich gezeigt, dass es häufig eine Art Fehlschluss ad auctoritatem ist, sich auf die Qualitätskontrolle durch solche ehrenamtlich engagierten Hochschulprofessoren zu verlassen. Können Sie etwaige Zweifel in Bezug auf den Beirat des Projekts zerstreuen? In welcher Form sind seine Mitglieder konkret eingebunden?
Für die Sicherung von Qualität und wissenschaftlicher Relevanz wurde ein Wissenschaftlicher Beirat eingesetzt. Dieser tagt mindestens zweimal pro Jahr und überprüft die fachliche Qualität der Arbeiten und Rekonstruktionen vor Ort und bewertet und unterstütz die fachliche Vernetzung in verschiedenen Gremien. Vor wichtigen Bauabschnitten erfolgt eine gesonderte Konsultation.
Der Beirat besteht aus anerkannten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen: Prof. Dr. Ingolf Ericsson, Inhaber des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Leiter des Zentrums für Mittelalterstudien an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, PD Dr. Hans Losert, Dozent an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Feldarchäologe, Dr. Hauke Kenzler, wissenschaftlicher Assistent an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Dr. Michael Henker, ehemaliger Direktor der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern, Dr. Silvia Codreanu-Windauer, Leiterin der Außenstelle Regensburg des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Dr. Jochen Haberstroh, stellvertretender Leiter des Referats Mittelalter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Magr. Milan Meltička, Leiter der Prähistorischen Abteilung des Westböhmischen Museums, sowie neuberufen Dr. Tobias Appl, Bezirksheimatpfleger Oberpfalz.
Alle Pläne werden in diesem Gremium vorgestellt und diskutiert, die Bauten im Gelände begangen und besprochen – mehr kann ein Beirat nicht leisten.
Die Mitglieder haben mir deutlich zu verstehen gegeben, das sie nicht lediglich zur Akklamation des Projektes da sind und waren in engagierten Diskussionen schon oft eine große Hilfe. Eine zweite Komfortfunktion für mich ist außerdem, dass ich mit ihrer Hilfe allzu volkstümliche Vorschläge aus Reihen des Vereines wie z.B. Badehaus o.ä. im Keim ersticken kann.
Neben dem Beirat ist der Austausch mit Fachkollegen von großer Wichtigkeit. So ist der Geschichtspark Mitglied im Deutschen Museumsbund, EXARC, einem Zusammenschluss archäologischer Freilandmuseen Europas und der EAA, der European Association of Archeologists. Darüber hinaus kam es zu fachlichen Kontakten mit etablierten Museen wie den Freilandmuseen Bad Windsheim und Neusath-Perschen und zu thematisch vergleichbaren Einrichtungen wie der Slawenburg Raddusch, dem Freilandmuseum Düppel in Berlin, dem Ukranenland in Mecklenburg und zahlreichen weiteren Anlagen.
Wenn Sie hier von Zweifeln sprechen, so müssten Sie diese konkretisieren, denn ich sehe keinen Anlass dazu.

Zweifel meinerseits sind eher genereller Natur und fußen auf Erfahrungen mit dem bereits oben erwähnten Campus Galli, dessen Wissenschaftlicher Beirat primär Feigenblatt-Charakter besitzt - das schließe ich u.a. aus Gesprächen mit Mitgliedern eben dieses Beirates. Die von Ihnen dargelegte Situation in Bärnau will mir da schon deutlich vielversprechender erscheinen.
Ihnen muss sicher niemand den Unterschied zwischen Museumspädagogik, Living History und Experimenteller Archäologie erklären, da Sie in all diesen Bereichen ausreichend Erfahrung sammeln konnten. Sie wissen andererseits aber sicher, dass Freilichtmuseen simple Museumspädagogik - wie z.B. das Brennen von Keramikgeschirr - gerne vorschnell in den Rang Experimenteller Archäologie heben, weil sich das spannend anhört und gut vermarkten lässt. Wird man bei Ihnen diesbezüglich eine schärfere Trennung vornehmen?
In unserem Veranstaltungsprogramm sind dies zwei völlig getrennte Schienen: Archäotechnik kommt natürlich im Bau und in der Museumspädagogik zum Tragen und auch viele der Workshops werden in diese Kategorie fallen. Die beteiligten Universitäten werden ihre Prüfungsordnungen ändern und das Modul Experimentelle Archäologie verbindlich in den Ausbildungskanon aufnehmen, das hier dann scharfe Richtlinien hinsichtlich Fragestellung, Versuchsaufbau, Dokumentation und Reproduzierbarkeit angewandt werden, versteht sich also von selbst, schließlich riskieren diese Institutionen ihren fachlichen Ruf und stehen sozusagen unter wissenschaftlicher Beobachtung.
Da wir planen auch den Bereich der experimentellen Archäologie als allgemein zugängliche Veranstaltung anzubieten, wird es auch hier spannend werden, wie es angenommen wird und inwieweit es „in reiner Form“ umsetzbar ist.

Wird der Fortschritt des Projekts auch im Internet zu verfolgen sein – z.B. über ein Bau-Blog?
Sinnvoll wäre es allemal, wünschenswert auch. Ich hoffe, dies ist ein Bereich, der über den ehrenamtlichen Weg abgedeckt werden kann, zumal ich nicht besonders internetaffin bin. Schon aus Gründen der Öffentlichkeitsarbeit, der Verbreitung und der Wahrnehmung sollte dies geschehen...ich sage also mal optimistisch ja.

Werden Publikationen mit wissenschaftlichem Anspruch über die Ihr Bauvorhaben erscheinen? Wenn ja, wo und in welcher Form?
Die Arbeit der Universitäten wird natürlich zu einem verstärkten Output wissenschaftlicher Aufsätze und Artikel führen. Zu einzelnen Aspekten werden auch gezielt Forschungsarbeiten entstehen.
Schon bei der Errichtung des Geschichtsparks sind unglaublich viele Aspekte der Rekonstruktion aber auch der vermittelnden Museumsarbeit aufgetreten, die eine Publikation verdienen würden, leider erweise ich selbst mich hier immer wieder als „Flaschenhals“, da die Ausführung, der Betrieb, die Betreuung, die Konzeptionierung und vieles mehr zu meinem Aufgabebereich gehört – es erweist sich hier das Tagesgeschäft als Hemmschuh für eine adäquate wissenschaftliche Aufarbeitung.
Ich bin aber guter Dinge hier etwas zu ändern, zumal wir vor Ort an einer Tagungsreihe mit entsprechender Publikation arbeiten und über die verstärkte Mitarbeit in diversen Museumsgremien (Exarc, EAA) eine erhöhte Artikelnachfrage besteht.

Vielen Dank, dass Sie so ausführlich Auskunft gegeben haben. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Vorhaben.
Die Leser sind natürlich herzlich eingeladen, im Kommentarbereich ihre Meinung zum geplanten Bauprojekt in Bärnau kundzutun. 

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Weiterführende Informationen:

14 Kommentare

  1. Ein spannendes Vorhaben. Sehr schade, dass der Geschichtsprak von mir fast 1000 km entfernt ist. Aber irgendwann wird es bestimmt mit einem Besuch klappen.

    Liebe Grüße,
    Britta

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  2. "denn man kann ja nicht komplett ins Blaue hinein bauen"
    man sollte nicht, kann aber schon, siehe campus galli ;-) grüße aus der schweiz, chris

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    1. Absolute Zustimmung. In Bärnau begleiten gleich vier Handwerksmeister die Bauarbeiten an der kaiserlichen Reisestation. Und wie viele sind es bei unserer pompös als Klosterstadt bezeichneten Baustelle in Meßkirch? Keiner?
      Ich denke, wer ordentliches Living History und seriöse Experimentalarchäologie erleben möchte, sollte nach Bärnau fahren und das neue Bauprojekt dadurch unterstützen. In Meßkirch und beim Campus Galli sind sie leider nur groß im Sprücheklopfen und Schuldenmachen.

      Grüßle,
      Maria

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  3. Sehr fundiert, sowohl das Interview als auch die Ausführungen von Hr. Wolters und die Planungen. Es geht doch. Viel Erfolg für das Projekt!
    Und auch ich bedauere, daß ich so weit davon entfernt wohne.
    - Fränkin -

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  4. Die Arbeiter nicht in mittelalterliche Kleidung zu stecken, wenn sie gleichzeitig auch moderne Schutzausrüstung wie Helme tragen müssen, halte ich für die beste Variante. Man sollte hier keine Vermischung vornehmen, die dann, wenn auch nicht von den Projektbetreibern selbst, so doch zumindest von Dritten (Presse), fälschlicherweise als "Living History" etikettiert werden würde. Als Darsteller schätze ich so ein Mischmasch, das den Begriff Living History unterminiert, nämlich gar nicht. Man kann außerdem immer noch abseits der Bauarbeiten die bereits fertiggestellten Bereiche in Gewandung bespielen oder auch Führungen in Gewandung durchführen.
    Karl0

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  5. Kannte das Projekt bisher auch nur unter dem Begriff "Kaiserpfalz".
    Woher haben die Presseleute aber diesen Begriff?
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich das selbst ausgedacht haben. Die wissen doch nicht einmal, was das ist ;-)

    Der Geschichtspark Bärnau zeigt auf jeden Fall: Es macht nichts, wenn ein solches Projekt von Laien ins Leben gerufen wird, solange die dann wirklich kompetente Fachleute mit ins Boot holen und konsequent auf deren Ratschläge hören.

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  6. An der PR des Projekts "Reisestation Kaiser Karls IV." ist aber noch gehöriger Verbesserungsbedarf. Auf der Internetseite des Geschichtsparks habe ich, trotz Baubeginn in wenigen Wochen, keine Informationen darüber finden können.
    Super aber, dass dieses Interview so ausführlich ist. Jetzt kann ich mir ein Bild machen, und das stimmt mich hoffnungsvoll.

    Der Wanderschmied

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    1. Das Projekt verdient auf jeden Fall mehr Werbung in den Medien.

      Gero

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    2. Die Internetseite des Geschichtsparks entsteht derzeit komplett neu und ist fast fertig. Für das neue Projekt entsteht gerade die Seite www.archaeocentrum.eu, die auch zeitnah online gehen und immer über die aktuellsten Entwicklungen berichten wird. Es lohnt sich also, immer mal wieder hinzuschauen! :-) Beste Grüße aus Bärnau!

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    3. In dem Fall bin ich beruhigt!
      :-)

      Der Wanderschmied

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    4. @Gero: Nein, bitte keine Werbung, sondern eine objektive Berichterstattung. Das ist die Aufgabe der Medien, auch wenn sie ihr kaum noch nachkommen.

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  7. Die Konzeption scheint zu Ende gedacht zu sein. Die Höhe der Finanzierung lässt mich vermuten, dass man mit offenen Karten spielt und sie nicht absichtlich zu niedrig angesetzt hat, um die Bevölkerung nicht schon zu Beginn gegen sich aufzubringen, wie das in Meßkirch möglicherweise der Fall war. Ja, Bärnau hat Potential. Ich bin schon gespannt, wie sich das entwickeln wird.

    Gero

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  8. Sehr interessanter Artikel, Chapeau!

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  9. Wird an der Reisestation ständig gebaut werden oder nur im Rahmen von Uni-Projekten - also alle paar Wochen für jeweils einige Tage? Karin

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