Mittwoch, 18. Oktober 2017

Der Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann antwortet seinen Kritikern



Mein Interview mit dem Experimentalarchäologen Marcus Junkelmann stieß auf reges Interesse und wurde dementsprechend nicht nur häufig aufgerufen, sondern auch fleißig kommentiert. Die meisten Kommentatoren stimmten der im Interview geäußerten Kritik an qualitativ fragwürdigem Reenactment zu. Doch vereinzelt gab es auch Widerspruch, der im Fall eines Nutzers außerdem in persönlichen Unterstellungen mündete. Marcus Junkelmann bat mich nun, seine ausführliche Entgegnung darauf zu veröffentlichen. Dem komme ich selbstverständlich gerne nach (das originale Interview samt Leserkommentaren ist hier zu finden).



Die Gegenkritik, ich würde nicht bemängeln, dass viele der männlichen Darsteller auf Grund zu großen Gewichts, zu hohen Alters, zu bleicher Haut keine Idealbesetzungen für die Rollen von Soldaten oder gar Gladiatoren sind, ist nicht richtig, denn ich habe den physiognomischen Aspekt unabhängig vom Geschlecht („Barttracht) generell als sehr wichtig bezeichnet. Bleichheit, Alter und dergleichen sind da natürlich gleich zu subsumieren. Diesen Schluss ziehen zu können, traue ich meinen Lesern durchaus zu, offensichtlich nicht immer mit Recht. Abgesehen davon, dass sich bei Petronius die Beschreibung einer etwas fragwürdig zusammengesetzten Gladiatorentruppe findet und dass das Borghese-Mosaik stark übergewichtige Arenakämpfer zeigt, manche Forscher sogar davon ausgehen, dies sei regelrecht angestrebt worden (was ich allerdings nicht glaube), war das hier nicht das eigentliche Thema, denn die Frage galt ganz dezidiert den weiblichen Darstellern männlicher Rollen. Ich predige übrigens allen meinen Leuten immer, sie sollten sich rechtzeitig bräunen, aus Gründen der sachlichen Wahrscheinlichkeit wie auch der antiken Ästhetik, doch wird das leider nicht immer befolgt. Es sind das aber immer nur Einzelfälle. Grenzen zu ziehen, ist schwierig, da es sich lediglich um Gradunterschiede handelt. Ob ich mich dagegen im Geschlecht vertue, das ist ein Wesensunterschied. Zudem zeichnen sich gerade die meisten weiblichen Gladiatoren, die ich zu Gesicht bekommen habe, nicht gerade durch „flachbrüstigen durchtrainierten“ Körperbau aus und schon gar nicht durch kämpferisches Können. Ich habe da nur eine Ausnahme erlebt, und diese Kämpferin ist nur intern bei einer Universitätsveranstaltung aufgetreten, ein echtes Naturtalent. 
Und was das Alter anbetrifft, so habe ich in der Tat in meiner Truppe einige wenige Kämpfer, die schon die 50 überschritten haben und auf eigenen Wunsch ausgeschieden sind, die ich aber, wenn es darauf ankommt (etwa Fernsehen), unbedingt versuche, wieder zu mobilisieren, nicht nur wegen Ihrer langjährigen Erfahrung, sondern auch wegen ihrer kämpferischen Leistungsfähigkeit und ihrer überzeugenden physiognomischen Beschaffenheit, Punkte, in denen sie mindestens 50 % des Jungvolks turmhoch überlegen sind. Der desavouierend gemeinte Hinweis auf meine eigene nicht mehr jugendfrische Physiognomie ist sinnlose Polemik, da ich auf dem fraglichen Photo in Zivil abgebildet bin und da ich schon lange nicht mehr als Kämpfer auftrete. 
Und nun zu den verleumderischen Behauptungen, die laut dem Kommentator „NRW-Loverboy“ dazu geführt haben sollen, dass ich in Xanten nicht mehr eingeladen werde. Weder alkoholisiertes Auftreten, noch unverständliches Schwadronieren, noch unzureichendes Aussehen oder Können meiner Gladiatoren wurden von Seite des APX ins Spiel gebracht, sondern räumliche Sachzwänge. Da der Zuschauer-raum des Xantener Amphitheaters nur zu einem Drittel rekonstruiert worden ist, haben höchstens 4.000 Menschen Platz, Tausende können nur von der Stadtmauer aus von ferne zuschauen. Man wollte daher das Programm raffen, um einen schnelleren Zuschauerdurchlauf zu erreichen. Da man fürchtete, diese rasche Folge von Einsätzen würde meine Männer überfordern, sollten sie abwechselnd mit einer mangelhaft ausgerüsteten Jungvolkgruppe zum Einsatz kommen. Ich lehnte diesen Kompromiss ab, weil er erstens auf eine Verwässerung des Programms und der Informationen hinauslaufen müsste und zweitens, weil ich uns nicht der Verwechslungsgefahr mit der anderen Gruppe aussetzen wollte. Die Veranstalter entschieden sich daraufhin für das Engagement der Nachwuchsgladiatoren, weil ihnen das in ihr Infantilisierungs- und Verhackstückungskonzept passte. Die weiteren Argumente wurden erst später bei Diskussionen mit anderen Gruppen geäußert, die sich erstaunt zeigten, dass ich als Begründer der Veranstaltung nicht mehr dabei war. Dass NRW-Loverboy von dieser Seite kommt, zeigt ja seine Formulierung „wenn er nicht mehr wie bei uns im Park - eingeladen wird“. 
Was die persönlichen Angriffe anbetrifft, so ist es zutreffend, dass ich es aus prinzipiellen Erwägungen ablehne, mir während einer solchen Veranstaltung ein (ganz unhistorisches) Alkoholverbot aufs Auge drücken zu lassen, wie das der Tendenz zum unverhohlenen Prohibitionismus entspräche. Das tue ich ostentativ, wie ich auch – bei anderen Gelegenheiten – dazu übergegangen bin, gelegentlich einen Zigarillo zu paffen, obwohl ich dem Rauchen eigentlich nichts abgewinnen kann, doch ist es mir ein Bedürfnis gegen diese widerlichen Bevormundungs-bestrebungen aufzumucken. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nie mehr trinke, als ich vertragen kann, und dass von alkoholisiert - im Sinne von angetrunken - keine Rede sein kann. Ich hasse diesen Zustand und habe ihn seit meinen frühen Studentenjahren konsequent vermieden. 
Dass ich mit meinem durch Gebrauch von Fachausdrücken (die stets erklärt werden) unverständlichen „Schwadronieren“ das Publikum langweilen und zum Massenexodus veranlassen würde, widerspricht allen meinen Erfahrungen, die ich unter anderem auch bei Hunderten von Schulvorträgen und sehr vielen Fernsehauftritten gewonnen habe. Auch die Kinder gehen immer begeistert mit und wollen sehr viel mehr wissen als die auf Primitivisierung setzenden Verantwortlichen in den Parks wahrhaben wollen. Die Fernsehleute bestätigen mir immer wieder, dass ich eine ausgezeichnete Mischung aus Präzision, Informationsreichtum und Unterhaltsamkeit hinkriege. Mag sein, dass "Loverboys" da überfordert sind, die Zuschauer in ihrer überwältigende Mehrheit jedenfalls nicht. Angesichts der systematischen Nivellierung nach unten ist vielleicht zu befürchten, dass das allmählich „unzeitgemäß“ wird, doch so lange man mich lässt, werde ich dagegensteuern.
Dr. Marcus Junkelmann

Dienstag, 17. Oktober 2017

Hörbares: Die kleine Eiszeit -- Deutsches Kulturgutschutzgesetz -- Tollensetal-Schlacht -- Anfänge und Geschichte der Kriminaltechnik -- Der Rattenfänger von Hameln

Die kleine Eiszeit - eine Kälteperiode und ihre Folgen | Spieldauer 20 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Deutsches Kulturgutschutzgesetz - Was hat es gebracht? | Spieldauer 30 Minuten | DF | Stream & Info | Direkter Download

Tollensetal-Schlacht und die Ausstellung "Blutiges Gold" | Spieldauer 8 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Anfänge und Geschichte der Kriminaltechnik - Verbrecher hinterlassen Spuren  | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Der Rattenfänger von Hameln - was geschah wirklich? | Spieldauer 23 Minuten | BR | Direkter Download

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Montag, 16. Oktober 2017

Videos: Peinliches Herumgezappel im Tollensetal -- Die Schiffswracks vom Bodensee -- Tatorte der Reformation


Die bronzezeitliche Schlacht im Tollensetal | Spieldauer 8 Minuten | NDR/ARD | Stream & Info
*LOL* - Die Spielszenen dieses Beitrags entsprechen exakt dem peinlichen Herumgezappel, das der Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann in seinem Interview mit mir kritisiert hat 😊
Die Macher versuchen den Umstand, dass die Kampfszenen extrem tollpatschig wirken, durch schnelle Schnitte zu überspielen, aber das gelingt natürlich nicht. Die hier dargebotene Performance entspricht ja nicht einmal dem Niveau der Stummfilmära. Vielmehr hat man scheinbar ein paar LH-Kollegen dazu gebracht, sich für die Fernseh-Fuzzis ein bisschen zum Affen zu machen.

Geheimnisse der Tiefe - Die Schiffswracks vom Bodensee | Spieldauer 45 Minuten | SWR | Stream & Info

Tatorte der Reformation: Worms & Wartburg | Spieldauer 29 Minuten | ARD/MDR | Stream & Info

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Sonntag, 15. Oktober 2017

Ab urbe condita, 30. Buch: Die Schlacht von Zama und das Ende des 2. Punischen Kriegs

Der antike Autor Titus Livius schildert in den Büchern 21 bis 30 seines Geschichtswerkes Ab urbe condita den berühmten 2. Punischen Krieg (218 - 201 v. Chr.) zwischen Rom und Karthago. Das vorliegende 30. Buch umfasst den Zeitraum von 203 - 201 v. Chr. Zentrales Thema sind hier die von Scipio (Africanus) ins karthagische Kernland getragenen Kamphandlungen: Dazu zählen unter anderem die Auseinandersetzungen mit dem numidischen Herrscher Syphax (ein Verbündeter Karthagos), die Rückberufung Hannibals aus Italien nach Nordafrika (um dort die Heimat zu verteidigen), die berühmte Entscheidungsschlacht bei Zama zwischen Scipio und Hanibal sowie der Friedensschluss zwischen Rom und Karthago.

Karthago zögerte in den letzten Kriegsjahren eigentlich die unvermeidliche Niederlage nur noch hinaus, wie aus dem letzten Teil von Livius' Beschreibung des 2. Punischen Krieges hervorgeht. Mit Roms italischem Rekrutierungspotential konnte man einfach nicht mithalten. Deutlich wird dies bei der Schlacht von Zama, wo Hannibal mit seiner hastig zusammengewürfelten und unterschiedlichst bewaffneten Söldnerarmee gegen den ethnisch relativ homogenen Block Scipios mittlerweile klar im Nachteil war. Neben Karthagern gehörten der Truppe Hannibals Makedonen, Gallier, Ligurer, Mauren, Balearen, Bruttier und sogar einige abtrünnige Latiner aus Italien an; das Sprachwirrwarr war enorm, wie Livius berichtet. Unterschiedlich waren auch die Beweggründe der einzelnen Volksgruppen, für Karthago zu kämpfen: Hoffnung auf Beute, Land und politischen Einfluss einerseits, aber auch Zwang (besonders bei den Bruttiern) andererseits. Und doch, mit etwas Glück hätte Hannibal die Schlacht von Zama vielleicht gewinnen können, denn Livius attestiert ihm, eine sehr kluge Schlachtaufstellung gewählt zu haben. Schlussendlich scheiterte er wohl vor allem am fehlenden inneren Zusammenhalt seiner 'Multikulti'-Truppe, wie zumindest die Überlieferung nahelegt.
Am Ende des Buchs wird das Zustandekommen des weitestgehend von Rom diktierten Friedensvertrages geschildert. Und Livius gibt auch gleich einen vagen Ausblick auf das 31. Buch, in dem der bereits am Horizont heraufziehende Krieg gegen Makedonien im Zentrum der Betrachtungen stehen wird.

Die Übersetzung stammt von Ursula Blank-Sangmeister. Der lateinischen Text wurde von ihr in ein modernes, allgemein verständliches Deutsch übertragen. Positiv hervorzuheben sind auch die unzähligen erklärenden Endnoten, ein Verzeichnis der enthaltenen Eigennamen und eine nützliche Inhaltsübersicht, in der die wichtigsten Ereignisse des geschilderten letzten Kriegsabschnitts chronologisch bzw. nach Kapiteln geordnet zu finden sind.

Randbemerkung: Endlich ist jetzt Livius' Schilderung des 2. Punischen Kriegs bei Reclam vollständig erhältlich! Die Veröffentlichung der zehn dünnen Bücher (Ab urbe condita 21-30) hat sich nämlich von 1999 (!) bis in dieses Jahr wie ein Strudelteig in die Länge gezogen.
Freilich, ich möchte mir lieber nicht ausmalen, wie lange der Verlag benötigt, um den Rest dieses bedeutenden Geschichtswerks zu veröffentlichen ...

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Freitag, 13. Oktober 2017

Krimskrams: Verärgertes Museums-Fandom

Ich hätte mir nicht gedacht, dass das Interview mit Marcus Junkelmann dermaßen viele Leute interessiert - es ist ja doch ein sehr spezielles Thema, das da behandelt wurde. Nichtsdestotrotz wurde der Beitrag innerhalb weniger Tage schon rund 5000 mal angeklickt. Das ist ganz ordentlich!

Interessanterweise wurde ich als Folge des Interviews von Fans (Angestellten?) des sogenannten Limeskastell Pohl 'heimgesucht'. Jemand hatte nämlich im Kommentarbereich unter dem Junkelmann-Interview darauf hingewiesen, dass dieses Freilichtmuseum sozusagen Müll sei und Hiltibold - also ich - dazu schon mal einen kritischen Blogbeitrag verfasst hätte. Genau den ergoogelten die Limeskastell-Fans und waren davon gar nicht begeistert. Sofort haben sie damit begonnen, mich mit Ausreden zuzukleistern, warum das z.T. in Fertigteilbauweise (!), aber als "weitestgehend authentisch" bezeichnete 'Limeskastell' so aussieht wie es aussieht: Nicht genügend Geld, böse Bauvorschriften, Fachleute waren als Berater tätig (es könne demnach nicht so unhistorisch bzw. schlecht sein) usw. usf.  

Kommt uns das alles nicht von einem ähnlichen Projekt her bekannt vor 😉

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Donnerstag, 12. Oktober 2017

Videos: Kannibalen im Herzen Europas -- Richard Löwenherz -- Tatorte der Reformation

Archäologie: Kannibalen im Herzen Europas? | Spieldauer 2 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Tatorte der Reformation: Münster & Köln | Spieldauer 30 Minuten | MDR | Stream & Info

Interview mit Prof. Stefan Weinfurter über Richard Löwenherz | Spieldauer 8 Minuten | SWR | Stream & Info

Apropos Richard Löwenherz: Sozusagen als begleitende Maßnahme zu der im Video erwähnten Ausstellung über diesen berühmten englischen König ist kürzlich ein neues Buch erschienen. Zurzeit lese ich es noch, allerdings irgendwann diesen Herbst werde es hier im Blog besprechen.
Der Kaufpreis beträgt zwar 35 Euro, aber teuer ist das eigentlich nicht, wenn man bedenkt, um was für eine dicke, großformatige Schwarte es sich dabei handelt: Nähere Infos

Foto: Hiltibold | Cover: (C) Historisches Museum der Pfalz Speyer
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Mittwoch, 11. Oktober 2017

Hörbares: Musik des Mittelalters -- Cäsars "deutsches" Römerlager -- Leben wie Ötzi -- Buchmalerei im Mittelalter -- Graben in Olympia -- Das Kirchenlied -- Orlando di Lasso




Marc Lewon und die Musik des Mittelalters (inkl. Hörbeispielen) | Spieldauer 115 Minuten | SWR | Stream & Info

Cäsars "deutsches" Römerlager | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Eine Woche im Steinzeitpark: Leben wie Ötzi | Spieldauer 9 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Gespräch mit Prof. Anja Grebe: Buchmalerei - Domäne der Mönche im Mittelalter | Spieldauer 11 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Die Archäologen Hirschfeld und Boetticher graben in Olympia | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info | Direkter Download

Das Kirchenlied - Klang und Botschaft | Spieldauer 23 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

1557: Orlando di Lasso - Musikerfürst am Münchner Hof | Spieldauer 22 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

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Dienstag, 10. Oktober 2017

Bestimmungsbuch Archäologie: Gürtel - erkennen, bestimmen, beschreiben

Die Verwendung möglichst einheitlicher Begriffe ist in der archäologischen Forschung von großer Wichtigkeit, damit es bei der Ansprache der unterschiedlichen Objekte einer Fundgattung zu keinen Missverständnissen kommt. In diesem Zusammenhang wurde 2008 die AG Archäologiethesaurus gegründet. Ihr Ziel ist die schrittweise Veröffentlichung des entsprechenden Vokabulars in Form gedruckter Bestimmungsbücher wie dem vorliegenden 5. Band.

In "Gürtel: erkennen - bestimmen - beschreiben" (Deutscher Kunstverlag) wurden hauptsächlich für den deutschen Sprach- und Kulturraum typische Gürtel bzw. ihre erhalten gebliebenen (metallenen) Einzelbestandteile wie Schnallen, Gürtelhaken oder Riemenzungen  in sehr übersichtlicher Weise systematisch geordnet und erläutert. 
Der Zeitraum der behandelten Gürtelbestandteile reicht ca. von der Späten Bronzezeit bis zur Karolingerzeit. Bedauerlicherweise geht diese zeitlich doch klare Einschränkung weder aus dem Cover- noch dem Klappentext hervor. Ich habe diese Auslassung schon bei einem anderen Band dieser Reihe bemängelt.

Die im Buch angewandte Systematik sowie die Entwicklung des Gürtels im Laufe der Geschichte wird in einer mehrseitigen Einführung erläutert. Außerdem erhält der Leser anhand zweier 'Zeitstrahlen' einen Überblick über die Chronologie sowie die unterschiedlichen kulturellen Entwicklungsgeschwindigkeiten der norddeutschen bzw. süddeutschen Vor- und Frühgeschichte.

Mit diesem Buch sollen auch diejenigen Interessierten angesprochen werden, die zwar mit archäologischen Objekten zu tun haben, ohne aber Fachwissenschaftler zu sein - heißt es. Genannt werden hier Restauratoren, Magazinverwalter, Museologen, Leiter von Mehrspartenmuseen, Grabungsleiter und Wissenschaftler anderer Fachbereiche.
Freilich, 'vergessen' hat man bei dieser Aufzählung Living-History-Hobbyisten wie mich, Antiken-Händler und natürlich die allseits beliebten Sondengeher 😃


Fazit: Ein nützliches Buch, sofern einen die zeitliche Einschränkung der betrachteten Funde nicht stört. Der Kaufpreis beträgt relativ günstige 19,90 Euro.


Randbemerkung: Wer designed eigentlich solche Cover? Wieso legt man die Schrift ausgerechnet über das Bild, obwohl oben und unten noch genügend Platz gewesen wäre? Gehts noch ungeschickter? So etwas sieht doch nicht schön aus.

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Montag, 9. Oktober 2017

Hörbares: Neues zur Varusschlacht -- Die Geschichte der Imkerei -- Kulturgeschichte des Einkaufens -- Die Geschichte der Schäferei




Neues zur Varusschlacht - Archäologen revidieren einen Mythos | Spieldauer 24 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download
In dieser Sendung geht es am Rande auch um die interessante Frage, ob in Kalkriese tatsächlich die Varusschlacht stattgefunden hat. Und selbst wenn - möglicherweise handelte es sich nur um einen zweitrangigen Nebenkriegsschauplatz. Varus könnte mit der Hauptstreitmacht nämlich ganz woanders marschiert sein. Was meiner Ansicht nach kein unrealistisches Szenario ist, denn bei der Masse an Truppen, die er mit sich führte, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Römer in mehreren Marschsäulen  vorrückten. Anderenfalls hätte sich ihr Heerwurm wohl dermaßen in die Länge gezogen, dass, wenn die ersten Soldaten bereits den Platz für ihr Nachtlager erreichten, noch nicht einmal alle ihre Kameraden den Ort des Abmarsches verlassen hätten. Hans Dieter Stöver schildert dieses Möglichkeit sehr anschaulich in seinem Buch "Der Sieg über Varus".

Die Geschichte der Imkerei  - Das Geschäft mit der Biene | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Kulturgeschichte des Einkaufens - Tauschen - Feilschen - Kaufen | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Die Geschichte der Schäferei - Ein spartanisches Idyll | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 6. Oktober 2017

Buch: Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden

Im Buch Von der Kupfersteinzeit zu den Seltenen Erden (Verlag Springer Spektrum) zeichnet der Mineraloge Florian Neukirchen die sich über viele Jahrtausende erstreckende Geschichte der Metallgewinnung nach.
Gleich zu Beginn weist der Autor darauf hin, dass die in Schulen undifferenziert vermittelte Abfolge der verschiedenen Metallzeiten - nämlich Kupfersteinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit - für viele Regionen nicht zutreffend ist. Auch wären die zeitlichen Eingrenzung der einzelnen Metallzeiten problematisch. So wurde beispielsweise gediegenes Kupfer, das an der Erdoberfläche aufgelesen werden konnte, bereits zu Beginn (!) der Jungsteinzeit verwendet. 
Weiters heißt es, die Entdeckung der Metalle sei für die menschliche Kultur keineswegs so revolutionär gewesen, wie lange Zeit angenommen wurde. Die Vorstellung, Kupfer und Bronze hätten unmittelbar zu radikalen gesellschaftlichen Umbrüchen geführt, wird als unzutreffend bezeichnet. Die frühesten Metallobjekte sind nämlich fast niemals Werkzeug oder Waffen, sondern vor allem kleine Schmuckstücke und Kultobjekte. Die bereits vorhandenen nichtmetallischen Materialien herrschten demgegenüber noch lange vor. Es dauerte Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende, bis das Metall im Alltag der Menschen angekommen war.

Mehr noch als dem kulturhistorischen Aspekt, widmet sich der Autor dem naturwissenschaftlichen bzw. technischen: In welcher Form kommen die jeweiligen Metalle in der Natur vor? Wie wurden sie abgebaut und verhüttet? Welche chemischen Reaktionen spielten sich dabei im Metall ab? Warum standen Öfen zur Verhüttung häufig an Bergabhängen? Welche Stoffe wurden schon sehr früh zum Legieren und Verbessern von Werkstoffeigenschaften eingesetzt? Welche wichtigen Informationen können Archäologen aus den Überresten von Schlacke ziehen? Mit welchen Methoden ist es heute möglich, Metall einem bestimmten Abbaugebiet zuzuordnen? Wie alt sind die ältesten von Menschen gemachten Eisenobjekte (Antwort: mindestens 6000 Jahre alt!)? Was steckt hinter der hethitischen Bezeichnung "gutes Eisen"? Was sind die ältesten Objekte aus Stahl? Wie viele tausend Tonnen Blei bliesen die Römer in Form von Abgasen bei der Silber- und Bleiverhüttung jährlich in die Luft? Usw. usf.

So weit so gut, nun zu den (wenigen) Kritikpunkten: Der Autor gibt zwar sehr brav seine Quellen an, allerdings nicht einfach in Form von Fuß- oder Endnoten, sondern er fügt sie direkt in den Text ein. Das ist zwar nicht völlig unüblich, stört aber, wenn es zu oft vorkommt, den Lesefluss . 
Ebenfalls weniger gefallen hat mir der Umstand, dass die Geschichte der mittelalterlichen Metallerzeugung vergleichsweise kurz behandelt wird - es dominieren stattdessen die Vorgeschichte und die Antike. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Gewichtung zwar verständlich, aber dass etwa speziell das Frühmittelalter mit fast nur einem einzigen Satz abgehandelt wird, hat mich dann schon ein bisschen gewurmt. Hier hätte es definitiv mehr zu erzählen gegeben.


Fazit: Punktuell wird der eine oder andere Leser vielleicht ein wenig mit den dargebotenen Detailinformationen aus der Metallurgie überfordert sein. Allerdings ist der Text im Großen und Ganzen so formuliert, dass man den Ausführungen wohl auch als absoluter Laie relativ leicht folgen kann. Mit hat das Buch jedenfalls gefallen: Es ist gut strukturiert und - trotz kleinerer Auslassungen - äußerst informativ.


Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
- Montanarchäologie und Archäometallurgie
- Grundlegende Eigenschaften von Metallen und Legierungen
- Metallverarbeitung
- Metalle und ihre Erze
- Drei Lagerstättentypen
- Literatur

Das erste Kupfer
- Die Anfänge in der Steinzeit
- Verhüttung von Kupfererzen
- Kupferzeit in Osteuropa und im Nahen Osten
- Arsenbronze und Fahlerzkupfer
- Gold aus dem Kaukasus
- Literatur

Bronzezeit
- Frühe Bronzezeit im Nahen Osten
- Zinnbronze
- Woher kam das Zinn?
- Mittlere und Späte Bronzezeit im Nahen Osten und am Mittelmeer
- Kontamination und Krankheiten
- Kupfer und Bronze in Mitteleuropa
- China
- Literatur

Vom ersten eisen zur Antike
- Die ältesten eisenobjekte
- Rennofen, Eisen und Stahl
- Frühe Eisenzeit
- Afrika
- Kelten in Mitteleuropa
- Krösus und das erste Geld
- Blei und Silber
- Zink und Messing
- Metalle in der Antike
- Literatur

Mittelalter und Renaissance
- Metalle im Mittelalter
- Johannes Gutenberg und die beweglichen Lettern
- Renaissance im Bergbau
- Georgius Agricola
- Alchemisten und Wünschelruten
- Die Fugger - Der erste Bergbaukonzern
- Saigerhütten und Vitriole
- Holzverbrauch und Entwaldung
- Eldorado: Metalle aus der Neuen Welt
- Krieg und Krise
- Literatur

Industrielle Revolution und Hightech
- Frühkapitalismus und Manufakturen
- Dampf und Eisen
- Kupfer und Elektrizität
- Aluminium
- Stahlgewitter und Eiserner Vorhang
- Titan und andere Supermetalle
- Computer, Mobiltelefone und Akkus
- Seltene Erden
- Literatur

Glossar

Sachverzeichnis

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