Sonntag, 25. Juni 2017

"... so wird ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist." - Über den Mythos der marmorweißen Antike

Ich mach' mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt ...

Nein, die in der Hauptüberschrift des Blogbeitrages zitierten Worte stammen nicht vom Ku-Klux-Klan 😉, sondern vom Begründer der wissenschaftlichen Archäologie: Dem Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann (Bild). Das vollständige Zitat lautet:

"Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die mehresten Lichtstrahlen zurückschicket, ... so wird ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist."

Ganz in der Tradition von Renaissance-Künstlern wie Michelangelo erklärt der im 18. Jh. lebende Winckelmann Weiß bzw. den weißen Marmor zum bildhauerischen und architektonischen Schönheitsideal schlechthin. Damit beeinflusste er nicht nur den damals gerade aufkommenden Klassizismus, sondern auch die Altertumsforschung, welche aufgrund Winckelmanns fachlicher Autorität lange Zeit den Umstand ignorierte, dass Skulpturen und Reliefs in der Antike überwiegend bemalt waren. Dieses Ausblenden von Fakten - aufgrund subjektiven ästhetischen Empfindens - wirkt bis heute in den Köpfen vieler Menschen nach. Abzulesen etwa daran, dass in Sach- und Schulbücher zeichnerisch rekonstruierte Tempel der Antike zumeist unbemalt bleiben. Auch in Spielfilmen huldigt man dergestalt dem überholen und unwissenschaftlichen Ideal des Klassizismus.


Gegenbeweise in antiken Schriftquellen

Archäologische Belege für die Vielfarbigkeit (Polychromie) antiker Bildhauerwerke gibt es etliche. Einiges davon war natürlich auch Winckelmann bekannt und wurde von ihm sogar genau beschrieben, wie etwa eine 1760 in Pompeji entdeckte Statue der Göttin Artemis. Trotzdem redete er sich - zumindest öffentlich - gerne darauf hinaus, dass solche Funde lediglich "barbarisch" anmutende Ausnahmen seien, die beispielsweise aus der Frühzeit stammen oder den Etruskern zugerechnet werden könnten. Dieser Realitätsverweigerung widersprachen freilich antike Schriftquellen: Z.B. ist von Plinius d. Ä. eine Anekdote über den berühmten griechischen Bildhauer Praxiteles überliefert, der einst auf die Frage, welche seiner marmornen Statuen ihm am besten gefallen, geantwortet haben soll:
"Diejenigen, an die Nikias (ein berühmter Maler) Hand angelegt hat." 

Auch der Philosoph Platon spricht in seiner Politeia klar von bemalten Statuen:
"Wie, wenn nun jemand, indem wir [eine Statue] bemalten, herzutreten würde und uns tadelte, dass wir den schönsten Teilen des Körpers nicht auch die schönsten Farben auflegten, weil die Augen, als das Schönste, doch nicht mit Purpur bestrichen wären, sondern mit Schwärze, [wie] wir glauben würden, uns ganz angemessen gegen diesen zu verteidigen, wenn wir sagten: Du Wunderlicher, verlange nur nicht, dass wir so schöne Augen bemalen sollen, dass sie gar nicht mehr als Augen erscheinen, und so auch die anderen Glieder; sondern sieh nur darauf, ob wir bei jedem das Gehörige anbringen und so das Ganze schön machen."

Und in der Tragödie "Helena" des Dramatiker Euripides heißt es:
"Mein Leben und mein Schicksal sind ein Grauen. Daran trägt [...] meine Schönheit Schuld. Könnt ich die nur vertauschen gegen hässliche Gestalt; so hässlich wie ein Marmorbild mit abgewischten Farben."


Die Lebenslüge des Klassizismus beginnt zu bröckeln

Spätestens im frühen 19. Jahrhundert ließ sich Winckelmanns wackelige Argumentation von den angeblichen "Ausnahmefällen" nicht mehr rechtfertigen (auch er selbst dürfte davon in seinen späten Jahren schon nicht mehr restlos überzeugt gewesen sein, wie u.a. private Notizen belegen). Damals kaufte der Kunstagent Johann Martin von Wagner für den bayerischen König Ludwig I. diverse Giebelfiguren des Aphaia-Tempels von Ägina an und entdeckte darauf etliche Farbanhaftungen. Er schrieb darüber:
"Wir wundern uns über diesen scheinbar bizarren Geschmack und beurteilen ihn als eine barbarische Sitte [...]. Hätten wir vorerst unsere Augen rein und Vorurteilsfrey, und das Glück zugleich, einen dieser griechischen Tempel in seiner ursprünglichen Vollkommenheit zu sehen, ich wette, wir würden unsere Vorurteile gerne wieder zurücknehmen."
Damit war sozusagen aus klassizistischer Sicht die Büchse der Pandora geöffnet worden. Von nun an war es kein 'Tabu' mehr, die Polychromie antiker Plastiken gezielt zu erforschen und ausgiebig darüber zu diskutieren. Im Jahr 1830 erschien das erste Werk, das sich explizit mit dieser Thematik beschäftigte - sein Titel: "De l'architecture polychrome chez les grecs", vom deutsch-französischen Architekten Jacob Ignaz Hittorff. Auch der berühmte Architekt Gottfried Semper verfasste, nachdem er für längere Zeit Griechenland bereist hatte, zwei einschlägige Publikationen: "Vorläufige Bemerkungen über die bemalte Architektur und Plastik bei den Alten" (1834; Onlineausgabe) und "Über die Anwendung der Farben in der Architektur und Plastik"  (1836).
Doch es dauerte geraume Zeit, bis sich zumindest in Gelehrten- und Künstler-Kreisen die Ansicht endgültig durchsetzte, dass antike Architektur und Bildhauerei nicht monochrom sondern polychrom war. Selbst noch 1868, als in Prima Porta die berühmte gleichnamige Statue des Augustus ausgegraben wurde, reagierte der anwesende Maler Arnold Böcklin regelrecht geschockt, nachdem er feststellte, dass das Kaiserbildnis Spuren von Farbe aufwies. Er soll damals gesagt haben: 
"Der Klassizismus, wie ich ihn kennengelernt habe, ist falsch und unzutreffend."
Und trotzdem änderte sich in der Praxis wenig. Auch weiterhin wurde in der klassizistischen Architektur zumeist auf Farbe verzichtet. Das Bild von der vermeintlich marmorweißen Ästhetik der Antike hatte sich bereits viel zu sehr in den Köpfen der Intelligenzia festgesetzt.
Freilich, es gab Ausnahmen. So thematisierte beispielsweise der britisch-niederländische Maler Sir Lawrence Alma-Tadema in einigen seiner Gemälde sehr zutreffend die Buntheit der Antike - siehe etwa das nachfolgende Bild.



Wie viel Farbe vertrug die Antike? 

Nachdem für die meisten Gelehrten zweifelsfrei feststand, dass in der gesamten antiken Kunst und Architektur die Vielfarbigkeit einen festen Platz hatte - also auch abseits der ohnehin schon lange bekannten Wandmalereien - begann sich die Debatte zunehmend um die Frage zu drehen, in welchem Ausmaß koloriert wurde (dazu trugen wohl auch Textstellen wie jene von Platon bei, die bereits oben zitiert wurde). Aufgrund des sehr beschränkten naturwissenschaftlichen Methodenapparats des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war das keinesfalls leicht zu beantworten. Ja selbst in heutiger Zeit fällt es mitunter schwer. Ein gutes Beispiel dafür ist der (in ein riesiges Zelt verpackte) griechische Apollontempel bei Bassae (Bassai). Einige Forscher vertreten die Meinung, die Platten des Frieses wären ursprünglich komplett in leuchtenden Farben bemalt gewesen. Andere glauben, Farbe sei vor allem zur Hervorhebung wichtiger Details verwendet worden. Und eine dritte Gruppe spricht gar davon, dass nur der Hintergrund mit einer zarten Tünche überzogen war, um die Figuren des Reliefs deutlicher hervortreten zu lassen. Die bisherigen Untersuchungen lassen jedenfalls - wie es heißt - noch keinen eindeutigen Schluss zu. Und das trotz all der modernen technischen Möglichkeiten, mit deren Hilfe Farbanhaftungen auf antiken Objekten bereits in vielen anderen Fällen entdeckt und analysiert wurden.


Wissenschaftliche Methoden der Farbanalyse

➤ Von einiger Bedeutung für die Ermittlung der einstigen Bemalung sind Verwitterungsreliefs. Farben die weniger haltbar sind - wie Ocker - geben relativ frühzeitig den blanken Stein frei, während z.B. Blau und Zinnoberrot besonders lange schützend anhaften. Mittels Streiflicht kann die darauf zurückzuführende unterschiedlich starke Verwitterung der Oberfläche sichtbar gemacht werde. Aus den daraus erlangten Ergebnissen lassen sich wiederum Rückschlüsse auf die ursprünglich verwendeten Farben/Pigmente ziehen (mineralische Farbstoffe sind zumeist beständiger als pflanzliche).
➤ Der Einsatz eines Auflicht-Stereo-Mikroskops dient dem Aufspüren von winzigen Überresten der einstigen Bemalung
➤ Die Zusammensetzung von Farbreste kann unter bestimmten Voraussetzungen mithilfe der Infrarotspektroskopie oder Röntgendiffraktometrie bestimmt werden
➤ Bei Verwendung der sogenannten UV/VIS-Reflexionsspektralphotometrie ist eine Bestimmung der Pigmente und Farbwerte ohne die Entnahme von Proben möglich. Wegweisend auf diesem Gebiet waren entsprechende Untersuchungen, die in den 1960er-Jahren bei Objekten der Münchner Glyptothek durchgeführt wurden


Restbestände klassizistischer Ignoranz

Im Angesicht der aktuellen technischen Möglichkeiten, den eindeutigen Hinweisen in antiken Schriftquellen und der langen Forschungsgeschichte ist es ärgerlich, dass bei der ikonographischen Deutung antiker Werke ihre einstige Bemalung immer noch kaum Berücksichtigung findet.
Auch werden Museumsbesucher nur in Ausnahmefällen darauf hingewiesen, dass manch ausgestelltes Objekte aufgrund des Fehlens jedweder Farbe uns heute einen völlig anderen optischen Eindruck vermittelt als den Menschen der Antike.

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Weiterführende Literatur / Quellen: 
  • Ritchie Pogorzelski | Der Triumph. Siegesfeiern im antiken Rum und ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe | Nünnerich-Asmus | 2016 | Infos bei Amazon
  • Mary Beard | Kleine Einführung in die Altertumswissenschaft |  J.B. Metzler | 2015 | Infos bei Amazon

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5 Kommentare

  1. Auf die Polychromie-Frage wurde während meinem Kunstgeschichtestudium in den späten 1990ern und frühen 2000ern so gut wie gar nicht eingegangen. Mittlerweile ist es ein bisschen besser, wozu meiner Meinung nach die Wanderausstellung "Bunte Götter" beigetragen hat. Allerdings besteht nach wie vor Verbesserungsbedarf.

    Liebe Grüße,
    Britta

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    1. Diese Ausstellung habe ich auch gesehen. Für etliche Menschen - mich eingeschlossen - war sie tatsächlich ein echter Augenöffner.

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    2. Zumindest für das Archäologiestudium kann ich sagen, dass die antike Polychromie auch heute zumeist nur ein kaum näher betrachtetes Randthema darstellt.

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  2. Es war ursprünglich angedacht, Teile der Außenfassade des klassizistischen Parlamentsgebäudes in Wien farbig zu gestalten, aber die "Ästheten" haben sich durchgesetzt. Allerdings gibt es eine kleine Ecke, an der man Farbe verwendet hat, um zu demonstrieren, wie die Bemalung geplant war.

    https://www.parlament.gv.at/GEBF/ARGE/PARLAUSZEN/BuntesParlament/

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    1. Bedauerlich, dass diese Variante verworfen worden ist.

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