Sonntag, 17. Januar 2016

Statuen als Orte der Zuflucht in der Antike


In meinem Blogbeitrag Massenmord im Jahr 88 v. Chr. (Die Vesper von Ephesos) wurde anhand mehrerer eindrücklicher Beispiele veranschaulicht, welch großes, aber leider nicht immer gerechtfertigtes Vertrauen die Menschen der Antike in das Tempelasyl setzten (von dem sich übrigens in weiterer Folge auch das christliche Kirchenasyl ableitet).
Ebenfalls nicht unüblich war es damals, sich in bestimmten persönlichen Notsituationen zu Standbildern von Gottheiten zu flüchten. Theoretisch begab man sich dadurch unter deren Schutz und war vor unmittelbarer Verfolgung durch Häscher sicher. Dasselbe galt auch für Herrscher-Statuen, deren menschliche Vorbilder ja nicht selten ebenfalls wie Götter verehrt wurden. Zwei durchaus interessante Beispiele zu diesem Thema fand ich bei den römischen Autoren Plinius und Livius.

1. Der Dieb?
Plinius der Jüngerer war um 111 n. Chr. "Gouverneur" der Schwarzmeer-Provinz Bithynia et Pontus (siehe Karte), wo sich in der Stadt Nikomēdeia folgender Fall zutrug, den er in einem Brief an Kaiser Trajan schilderte: Ein Mann namens Callidromus sei von seinen beiden Dienstgebern - den Bäckern Dionysius und Maximus - wegen eines angeblich von ihm begangenen Diebstahls gewaltsam festgehalten worden. Er floh jedoch bei passender Gelegenheit zu einer Statue des Kaisers und wurde daraufhin den städtischen Magistraten vorgeführt, welche wiederum, da die Sachlage höchst undurchsichtig war, den Statthalter Plinius informierten. Dieser veranlasste ein Verhör, weil aber der Beschuldigte zum einen dabei blieb, dass die in seinem Besitz befindlichen Wertgegenstände - eine Gemme und ein Goldklumpen - nicht gestohlen seien, und er zum anderen kein Sklave, sondern ein freier Bewohner des Reichs wäre, überstellte man ihn mitsamt den Preziosen nach Rom. So hatte also die Flucht zu einer Statue aus Stein dazu geführt, dass Callidromus - ein Niemand - seinen Fall vor dem obersten Herren des Reiches vortragen durfte. Leider ist uns, im Gegensatz zum nächsten Beispiel, der Ausgang nicht überliefert.

2. Der Treue
Beinahe filmreif mutet eine Geschichte an, von der Titus Livius in seinem 23. Buch der Römischen Geschichte berichtet: Man schrieb das Jahr 216 v. Chr. und der 2. Punischen Krieg zwischen Rom und Karthago hatte gerade seinen ersten Höhepunkt erreicht, als die Stadt Capua, eine besonders wichtige Bündnispartnerin Roms, plötzlich die Seiten wechselte. Vermutlich waren ihre Bewohner zu dem Schluss gekommen, dass den Römern nach der Katastrophe von Cannae ohnehin das letzte Stündchen geschlagen habe und es unklug wäre, auf der Seite des Verlierers bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Mann glaubte lieber dem Versprechen des karthagischen Feldherren Hannibal, der Capua zur neuen Hauptstast Italiens machen wollte.
Nun kritisierte jedoch ein vornehmer sowie rhetorisch begabter Mann namens Decius Magius die Untreue seiner Landsleute aufs Heftigste und wurde, damit er beim Volk keinen Meinungsumschwung hervorrufen konnte, vom Ältestenrat der Stadt an Hannibal ausgeliefert. Der ließ den widerborstigen Unruhestifter allerdings nicht hinrichten (wohl um die Bürger Capuas nicht zu verschrecken) - sondern schickte ihn auf schnellstem Wege nach Karthago, wo er keinen Schaden anrichten konnte.
Ein schweres Unwetter verschlug das Schiff jedoch an die Küste von Kyrene (siehe Karte). Dort gelang es Decius Magius sich zu einer Statue des ägyptischen Königs Ptolemaios IV. Philopator zu flüchten, dessen Herrschaftsgebiet sich weit entlang der nordafrikanischen Küste erstreckte. Nachdem der Geflohene so quasi den Anspruch gestellt hatte, seinen Fall dem Landesherren vortragen zu dürfen, wurde er zum Ärger der karthagischen Bewacher nach Alexandria gebracht. König Ptolemaios ordnete, nachdem er von den näheren Umständen dieses Falles erfahren hatte, die unverzügliche Freilassung an und erklärte überdies, Magius könne entweder in seine Heimatstadt zurückkehren oder Asyl in Ägypten erhalten - je nachdem wie es ihm beliebt. Der Mann aus Capua entschied sich sicherheitshalber für einen Verbleib in Ägypten. Vorerst zumindest...

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Quellen bzw. weiterführende Literatur: 
  • 1. Pinius der Jüngere / Heribert Philips (Übers.) | Epistulae 10,74 | Reclam | Infos bei Amazon
  • 2. Titus Livius / Ursula Blank-Sangmeister (Übers.) | Ab urbe Condita, 23. Buch, 10, 5-13 | Reclam | Meine Rezension | Infos bei Amazon

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