Mittwoch, 2. Juli 2014

Buch: Qumran - Zwischen Verschwörung und Archäologie

In den 1940ern und-1950ern entdeckten Beduinen und Archäologen bei Khirbet Qumran am Toten Meer etliche antike Schriftrollen mit meist religiösem Inhalt, die aus heute unbekannten Gründen vor rund 2000 Jahren in 11 Felshöhlen versteckt wurden.
Einen Überblick über den Forschungsstand sowie die höchst abenteuerliche Forschungsgeschichte bietet das von Simon und Claudia Paganini verfasste Buch Qumran - Zwischen Verschwörung und Archäologie (topos)

Wer sich mit den Schriftrollen vom Toten Meer und dem Ruinenkomplex von Khirbet Qumran beschäftigt (Khirbet = ein kleiner Schutthügel), kommt freilich nicht daran vorbei auch die sagenumwobenen Essener zu berücksichtigen. Mitglieder dieser als besonders fromm geltenden Splittergruppe des Judentums sollen angeblich die Verfasser der entdeckten Texte sein. Die Betonung liegt auf "angeblich", denn wie im vorliegenden Buch glaubhaft erläutert wird, ist diese These unter Fachgelehrten zurecht umstritten. Nicht wenige Indizien sprechen gegen die Annahme, dass Qumran von den mönchsgleichen Essenern bewohnt und als Produktionsstätte für Handschriften genutzt wurde; stattdessen könnte die Anlage auch ein x-beliebiger landwirtschaftlicher Betrieb gewesen sein. Die Schriftrollen selbst, entstanden möglicherweise in Jerusalem oder Jericho. Da jedoch die frühe Forschung unter dem Dominikaner Roland de Vaux nicht ergebnisoffen arbeitete, sondern vielmehr darauf abzielte die Existenz bzw. Autorenschaft einer angeblichen Essener-Gemeinde in Qumran zu belegen, verfestigte sich in der Öffentlichkeit ein entsprechend einseitiges Bild, welches bis in die Gegenwart Bestand hat. Überdies begünstigten jahrelange Geheimniskrämerei und wissenschaftliche Schlamperei das Blühen unzähliger Verschwörungstheorien. So soll etwa der Vatikan versuchen, missliebige Informationen über Jesus zu unterdrücken, die sich angeblich in verschlüsselter Form in den Qumran-Texten finden. Auch auf diese reißerischen Aspekte gehen die Autoren ein und dröseln dabei Fakten und Fiktion auseinander.

Heute sind die Schriftrollen von Toten Meer ein Millionengeschäft. Dabei fing alles ganz klein an. Jener unwissende Beduine, der einige der ersten Rollen entdeckt hatte, bekam für seinen Fund gerade einmal 77 Dollar. Von diesem Geld kaufte er sich ein Gewehr, 20 Ziegen und eine Frau ^^
Man kann übrigens von Glück reden, dass der gute Mann die Eingebung hatte einen Schwarzmarkthändler zu kontaktieren. Seine Stammesbrüder verbrannten die Schriftrollen lieber, denn das uralte Leder verströmte dabei einen angenehmen Geruch...

Fazit:  Qumran - Zwischen Verschwörung und Archäologie beinhaltet viele spannende Details und liest sich sehr angenehm. Lediglich die in den eigentlichen Text eingeschobenen, grau unterlegten Kästchen, die quasi vertiefende Zusatzinformationen beinhalten, fand ich in dieser Form etwas störend, da sie den Lesefluss behindern. Den überaus positiven Gesamteindruck kann dieses Detail freilich nicht trüben.

Ich vergebe 5 von 5 Punkten | 
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Inhaltsverzeichnis:

1. Entdeckung, Ankauf und Veröffentlichung der Schriftrollen aus der judäischen Wüste
- Die Lederrollen und der Schuhmacher aus Betlehem
- Wege und Umwege der Veröffentlichung
- Das erste Herausgeberteam
- Die Tempelrolle und das Ende der Handschriften-Entdeckungen
- Kampf um die Rollen: Verschwörung oder Überforderung?

2. Mystiker, Politiker und Revoluzzer: Die antike Welt der Schriftrollen
- Vom Exil bis zur Zerstörung des zweiten Tempels
- Tora und Tempel, das religiöse Leben der Juden
- Jüdische Parteien, philosophische Schulen und sektiererische Bewegungen

3. Die Ruinen von Kirbeth Qumran und die Essener
- Essener Hypothese von Pater Roland de Vaux
- Glaube und Leben der Essener nach Plinius
- Josephus und Philo
- Merkmale der Qumran-Gemeinde nach Pater Roland de Vaux
- Siedlung, Friedhof Reinigungsbäder und Wassersystem
- Kulthöhle oder Wintervilla? - Alternative Deutungen des Qumran-Komplexes
- Pharisäer, Sadduzäer oder Zeloten? Die Autoren der Rollen

4. Was verbergen die Manuskripte aus den 11 Höhlen
- Höhlen und Manuskripte: Neue Entdeckungen in der judäischen Wüste
- Die Schriftrollen: Gemeindeordnung und Ausbildungstexte, Kommentare und Apokryphen von biblischen Texten, apokalyptische Texte, Gesetzestexte, Psalmen und Gebete, Kalendertexte, christliche Zeugnisse in Höhle 7?, andere besondere Texte, das Alte Testament vom Toten Meer
- Bilden die Schriftrollen eine geordnete Sammlung?

5. Siedlung, Höhlen, Manuskripte: Was gehört zusammen?
- Schwierigkeiten der Essener-Hypothese
- De Vaux und seine Ausgrabungsmethode
- Die historischen Perioden der Besiedlung von Qumran
- Der Friedhof und die Region um Qumran
- Die 3. Besiedlungsperiode (37 v. Chr. - 68 n. Chr.): Funktion und Gebäude, Westflügel und Wassersystem, industrielle Produktion
- Priester als Bewohner von Qumran
- Jerusalem und Jericho als Ursprung der Schriftrollen

6. Die Jesus-Bewegung innerhalb ihrer israelitischen Umwelt
- Das Judentum als multikulturelle Gesellschaft
- Johannes der Täufer, Jesus und die ersten Jünger
- Gemeindeordnung und Lebensführung im Vergleich zwischen Früchchristentum und Schriftrollen
- Jesus als Messias und eschatologische Hoffnung in den Schriftrollen

Weiterführende Literatur
Qumran und die Schriftrollen im Internet


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