Donnerstag, 25. Mai 2017

Krimskrams: Satyricon -- Mittelaltermark oder seriös? -- Kleines Nähprojekt -- Diebstahl in Pompeji -- Unachtsame Archäologin

Satyricon

Im Laufe der Jahre ist mir in Sach- und Fachbüchern über die Antike eine Quelle auffällig oft untergekommen: Petrons Schlemenroman Satyricon bzw. die darin enthaltene Episode "Das Gastmahl des Trimalchio".
Der antike Text ist vollgepackt mit Detailinformationen zum römischen Alltagsleben - ganz besonders zur Esskultur. Ich werde daher die von mir kürzlich gelesene Reclam-Übersetzung (die gewisse 'Eigenheiten' aufweist) hier in den kommenden Monaten noch detailliert besprechen.

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Mittelaltermarkt oder seriöse Museumsveranstaltung?

Was meinen die Leser; handelt es sich beim jüngsten Event der Klosterbaustelle Campus Galli um eine seriöse Veranstaltung (von einem Lokalmedium als "Historischer Markt" bezeichnet) oder haben wir es hier unterm Strich eher mit einer mittelaltermarkt-mäßigen Histotainment-Lärmerei zu tun? Klick mich

Mit dabei war übrigens auch wieder die legendäre gürtellose Arbeitsanleiterin, über deren Beweggrüde für den Verzicht auf einen Gürtel auch nach bald 5 Jahren modischer Eigenwilligkeit keinesfalls spekuliert werden darf 😉

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Kleines Nähprojekt

Ich habe schon länger nichts mehr für meine beiden Living-History-Ausstattungen genäht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich vom Nähen relativ leicht Kopfschmerzen bekomme (wegen der gebückten Haltung). Wenn ich allerdings nicht wesentlich mehr als 20 Minuten am Stück nähe, dann geht es. 

Geplant sind zwei Beutel aus naturfarbenem Leinen und eine phrygische Mütze aus Wolle mit Leinenfutter; ich habe übrigens zum jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt keine Ahnung, wie man das Futter sauber in die Mütze hineinfummelt (die Naht mit der das Futter befestigt wird, sollte mehr oder weniger verdeckt sein),
Außerdem brauche ich für besagte Mütze noch einen passenden roten Schurwollstoff, aus welcher der aufgenähte Saum gemacht werden soll. Mal sehen, ob ich irgendwelche Stoffreste dafür auftreiben kann. Weil extra etwas zu bestellen lohnt sich sich bei der minimalen Menge nicht, die ich benötige.

Im Sommerurlaub, wenn das Blog für einen Monat pausiert, soll es losgehen. Bei meinem üblichen Schneckentempo bin ich vermutlich irgendwann knapp vor Weihnachten damit fertig 😊. Auf jeden Fall möchte ich dann auch einen Beitrag über die Arbeiten an Beuteln und Mütze verfassen, in dem Arbeitsschritte, Schnittmuster, verwendete Nähstiche usw. genau und leicht nachvollziehbar dargelegt werden.

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Diebstahl in Pompeji

Ein wertvolles Bronzeobjekt - genauer gesagt ein Türbeschlag - wurde in der antiken Ruinenstadt Pompeji entwendet, schreibt die Zeitung der Standard: Klick mich

Interessant, dass es eine solche Meldung überhaupt in die Zeitung schafft. Mir hat nämlich eine gute Freundin mit besten Verbindungen nach Pompeji erzählt, dass dort und im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel (wo viele Funde aus Pompeji ausgestellt sind) immer wieder Objekte verschwinden. Das hätte sich innerhalb der letzten 100 Jahre dermaßen summiert, dass man mit all dem Diebesgut eine stattliche Ausstellung bestücken könnte ...

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Unachtsame Archäologin

Die vorangegangene Meldung erinnerte mich an eine andere Geschichte. Dieselbe Freundin, die mir berichtete, dass das Abhandenkommen von Funden in Pompeji eine gewisse Tradition besitzt, war vor nicht allzu langer Zeit in Wien unterwegs. Wie es der Zufall so wollte, kam sie beim Shoppen an einer archäologischen Ausgrabung vorbei und stellte sich zu ein paar Schaulustigen, die das Treiben beobachteten. Da meinte jemand neben ihr, dass eine der Ausgräberinnen in der Grube ständig über etwas Schmutzig-Weißes latscht, und ob das nur ein Stein oder ein Knochen sei?
Als gelernte Archäologin schaute meine gute Freundin nun genauer hin und erkannte, dass es sich dabei eventuell um das mehr oder weniger kugelförmige Ende (Epiphyse) eines Langknochens handelt. Sie rief daher die Ausgräberin, die keinen Meter daneben kniete an, dass da etwas sei. Doch die junge Frau hörte nichts, da sie Ohrhörer in den Ohren hatte; als nächstes stand sie auf und trat wieder genau auf die Stelle mit dem Knochen, woraufhin dieser teilweise zerbröselte. Jetzt wurde die Freundin unrund; am liebsten wäre sie in die Grube hinuntergesprungen. Stattdessen knüllte sie ein Prospekt aus ihrem Einkaufssack zusammen und warf es dem Mädel in der Grube direkt vor die Nase. Endlich nahm diese die Ohrhörer heraus und blickte auf. 
Wie sich daraufhin bald herausstellte, war das weiße Objekt im Boden tatsächlich ein Kochen. 

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Bier zum Inhalieren 😂

Dienstag, 23. Mai 2017

Videos: Archäologisches Grab geschändet -- Pompeji -- Bau von antikem Römerboot -- Hochmittelalterliches Schlachtengemälde -- El Dorado der deutschen Archäologen -- Der Schrecken der Archäologen

Bau von antikem Römerboot nimmt Form an | Spieldauer 4 Minuten | BR | Stream & Info

Hochmittelalterliches Schlachtengemälde erstrahlt im neuen Glanz | Spieldauer 3 Minuten | MDR | Stream & Info

El Dorado der deutschen Archäologen | Spieldauer 3 Minuten | SWR | Stream & Info

Raubgräber - der Schrecken der Archäologen | Spieldauer 4 Minuten | SWR | Stream & Info

Archäologisches Grab geschändet | Spieldauer 3 Minuten | BR | Stream & Info
Eine ziemlich rabulistische Umschreibung dafür, dass hier ein unbekannter Depp einen Schädel von einer archäologischen Ausgrabung gemopst hat. Wenn man sich schon auf den in diesem Zusammenhang aberwitzigen Begriff "Schändung" versteigt, dann sollte man darauf hinweisen, dass diese in Wirklichkeit bereits mit der Freilegung der sterblichen Überreste durch Archäologen ihren Anfang genommen hat. Desweiteren ist es mehr als nur fragwürdig, dass mit der Trivialität eines entwendeten mittelalterlichen Schädels die Kriminalpolizei behelligt wird. Als ob die nicht wichtigere Dinge zu tun hätte, als morschen Knochen hinterherzujagen - jeder Wohnungseinbruch besitzt größere Relevanz. Übrigens, es geht beim konkreten Fall um eine Ausgrabung des Archäologen Matthias Hensch (Schauhütte Archäologie), zu dessen Youtube-Videos ich hier erst kürzlich verlinkt habe. 

Wiederauferstehung Pompejis auf dem Computer | Spieldauer 5 Minuten | Youtube/Altair4


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Sonntag, 21. Mai 2017

Hörbares: Die mittelalterliche Globalmacht Hanse -- Winckelmann-Ausstellung -- Archäologische Sammlung Trier -- 500 Jahre Reformation




Handel im Mittelalter - Die Hanse als globale Macht | Spieldauer 28 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download

Kulturnacht: Winckelmann-Ausstellung in Weimar | Spieldauer 42 Minuten | ARD/MDR | Stream & Info | Direkter Download

Von Amphoren und antiken Skulpturen: Archäologische Sammlung der Universität Trier | Spieldauer 4 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download

Landesausstellung "500 Jahre Reformation - Die Epoche des Umbruchs" | Spieldauer 4 Minuten | ARD/BR | Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 19. Mai 2017

Buch: Chronik des Campus Galli 2017 - Von "Mohamedanern" und lässig verteiltem Steuergeld

Im baden-württembergischen Meßkirch soll in den kommenden Jahrzehnten mit dem Campus Galli ein Kloster nach dem Vorbild des karolingerzeitlichen Klosterplans von St. Gallen errichtet werden. Wie wenig ich von diesem medial gehypten Vaporware-Projekt halte, dürfte hinlänglich bekannt sein.
Einer meiner zentralen Kritikpunkte ist dabei seit jeher die extrem dürre Dokumentation der Arbeiten, sodass für Außenstehende eine Überprüfbarkeit nach wissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten schwierig bis unmöglich ist (ein Schelm, wer dahinter Absicht seitens der Verantwortlichen vermutet 😉).
Neben den überwiegend nicht sehr detailfreudigen Blogbeiträgen auf der Homepage des Projekts, wird jährlich eine knapp hundertseitige Chronik veröffentlicht. Nun sollte man eigentlich annehmen dürfen, in diesem Heft würden die Betreiber vor allem das vergangene Arbeitsjahr Revue passieren lassen, um das (wenige) Erreichte zu dokumentieren. Doch Pustekuchen, die angebliche Chronik entpuppt sich als verkappte Anthologie; will heißen, es handelt sich um ein Sammelsurium aus größtenteils wenig relevanten Allerwelts-Informationen. Ich habe das ja bereits bei meiner kurzen Rezension der 2013er-Chronik kritisiert. Doch sehen wir uns die Beiträge diesmal etwas genauer an.

➤ Das Heft beginnt mit einem Vorwort des ehemaligen Landrats Dirk Gaerte, der sich in seiner politisch aktiven Zeit an der Errichtung jenes Förderdickichts beteiligte, ohne dessen beständige Unterstützung der 'pseudo-private' Verein Campus Galli wahrscheinlich längst in die Insolvenz geschlittert wäre. Dem Vernehmen nach wirkt Herr Gaerte auch als Vorsitzender des Freundeskreises der Karolingischen Klosterstadt bis heute eifrig daran mit, die defizitäre Mittelalterbaustelle mit Geldern aus dem Topf des Steuerzahlers zu alimentieren.
65 755 Besucher hätten den Campus Galli 2016 besucht, jubelt der gute Mann. Er 'vergisst' dabei freilich, dass es laut der ursprünglichen Prognose - mit welcher man der Lokalbevölkerung das Projekt einst schmackhaft gemacht hatte - rund 150 000 hätten sein sollen...

➤ Nachdem man sich durch die schöngefärbte Alternativrealität des Altpolitikers gelesen hat, gelangt man zum Beitrag eines gewissen Herrn Wolff, der 2014 in der 'klösterlichen' Schmiede das Ruder übernahm, nachdem sein Vorgänger der Möchtegern-Klosterstadt fluchtartig den Rücken gekehrt hat - wie übrigens auch einige andere Mitarbeiter der ursprünglichen Kernmannschaft längst kündigten, da sie wohl von den Arbeitsbedingungen und/oder der Bezahlung wenig angetan waren: Darunter eine Steinmetzin sowie ein den Medien gerne als Vorzeigemitarbeiter präsentierter Ochsenführer, der bei mehreren Gelegenheiten behauptete, die Anstellung beim Campus Galli sei ein Job fürs Leben. Tja, so kann man sich täuschen.
Doch zurück zum aktuellen Schmied des Projekts: Der berichtet davon, wie er an seinem neuen Arbeitsplatz unzählige Werkzeuge vorfand, die aus historischer Sicht größtenteils völlig unpassend für eine karolingerzeitliche Schmiede waren. 90 Prozent davon mussten deshalb im Laufe der Zeit aussortiert werden - darunter jener moderne Amboss, der manch Beobachter des Projekts noch in unguter Erinnerung sein dürfte. Schon fast symbolhaft stand nämlich dieser überdimensionierte Metallklotz für das umfangreiche Geschluder der Verantwortlichen, die treuherzig versprochen hatten, es würde nur mit Werkzeugen des 9. Jahrhunderts gearbeitet werden.
Einiges an Hirnschmalz scheint in die Konstruktion von Blasebälgen geflossen zu sein, deren Aufgabe es ist, das Schmiedefeuer mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Es dauerte laut Herrn Wolff geraume Zeit, bis man eine möglichst effiziente und haltbare Konstruktion entwickelt hatte. Freilich, ob hier echte Experimentalarchäologie betrieben oder lediglich das Rad neu erfunden wurde ist eine durchaus berechtigt Frage, denn gut funktionierende Rekonstruktionen von mittelalterlichen Blasebälgen wurden anderenorts schon vor vielen Jahren gebaut.
Neben Werkzeug und Blasebalg bereitete aber vor allem die als Grubenhaus errichtete Schmiede selbst Probleme, sodass diese bereits nach wenigen Jahren radikal renoviert werden musste. Details dazu wurden hier keine genannt, lediglich auf das Konstruieren einer neuen Esse ging man noch näher ein.

➤ Es folgt ein längerer Beitrag des Archäologen Tilman Marstaller, der seine Ideen zum schon lange angekündigten, aber von den Projektverantwortlichen immer wieder verschobenen Bau einer (mit viel Steuergeld finanzierten) Scheune darlegt. Hierzu sei übrigens angemerkt, dass dieser Text auch auf der Homepage des Campus Galli abgerufen werden kann.

 Der St. Galler Klosterplan und das Gozbertmünster lautet die Überschrift eines Beitrages, für den der St. Galler Stiftsbibliothekar Cornel Dora verantwortlich zeichnet. Obschon inhaltlich durchaus nicht uninteressant, so ist dergleichen in einer Chronik eher deplatziert.

➤ Es folgen einige Foto-Collagen mit Impressionen von der Baustelle - dies passt nun endlich wieder einmal zu einer Chronik. Einleitend heißt es jedoch:

"2016 konnte mit der Holzkirche das erste Bauwerk der karolingischen Klosterstadt fertiggestellt werden."

In Wirklichkeit ist die Kirche selbst jetzt - Mitte 2017 - noch nicht fertiggestellt, wie man anhand verschiedenster Quellen problemlos feststellen kann. Werden wir hier möglicherweise mit dem Dunning-Kruger-Effekt konfrontiert? So bezeichnet man nämlich eine kognitive Verzerrung, bei der relativ inkompetente Menschen unter anderem dazu tendieren, das eigene Können massiv zu überschätzen ...
Eventuell hat die obige 'Postfaktizität' aber auch andere Gründe. Benötigt man etwa verzweifelt ein vermeintliches Erfolgserlebnis, um in den Augen der Öffentlichkeit nicht als träger Haufen von 'Steuergeld-Schnorrern' dazustehen? Man darf nämlich keinesfalls außer Acht lassen, dass es besonders in der Lokalbevölkerung Kritiker gibt, denen die immer wieder in die Verlängerung gehende Bezuschussung des Campus Galli längst gehörig gegen den Strich geht.

➤ Als nächstes kommt der Leser in den Genuss eines Beitrages des Historikers Matthias Becher, der den Lebensweg und das Wirken Karls des Dicken nachzeichnet. Wer keinen Computer bedienen und beispielsweise Wikipedia aufrufen kann, der dürfte aus Herrn Bechers Einlassungen einen gewissen Nutzen ziehen ...

➤ Ähnlich deplatziert wie der vorangegangene Text ist jener über die heilige Scholastika (ja, die Frau wird von der Kirche tatsächlich so genannt).

➤ Nun wird es wieder etwas interessanter: Drei Gästeführer des Campus Galli berichten von ihren überwiegend positiven Erfahrungen. Eine Dame schränkt dabei allerdings ein:

"Es gibt jedoch auch Gruppen, in denen jemand negativ oder zweifelnd gegenüber Campus Galli eingestellt ist. Da kommen bereits an der Kasse negative Bemerkungen."

Wenn der Gästeführerin dieser Umstand eine Bemerkung wert ist, dann legt dies den Schluss nahe, dass negatives Feedback weitaus häufiger vorkommt, als die Geschäftsleitung der Öffentlichkeit gerne weismachen möchte.
An anderer Stelle berichtet ein Kollege der Frau sinngemäß, sogar eine ganze Gruppe von Besuchern hätten bei der Führung über das Gelände des Campus Galli ein großes Maß an offenkundigem Desinteresse gezeigt. Verständlich, bei dem bescheidenen Angebot, das noch am ehesten kleine Kinder und Senioren auf Kaffefahrt zu beeindrucken vermag. 

➤ Vor allem für jene, die mit den hohe Kosten des Projekts wenig Freude haben, ist der Text von Rüdiger Semet - seines Zeichens Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Werkstättle - interessant. Das Werkstättle stellt nämlich einen wichtigen Aspekt des weiter oben erwähnten Förder- und Abpumpdickichts dar: Wird nämlich in den Medien über die vom Campus Galli eingestreiften Zuschüsse  berichtet, dann bezieht sich dies zumeist auf Gelder, die direkt von der Stadt Meßkirch beigesteuert werden (sogenannte Betriebskostenzuschüsse). Unerwähnt bleibt hingegen, dass sich freilich auch hinter der Hilfe des Werkstättle hohe Summen aus dem Topf des Steuerzahlers verbergen. So wird beispielsweise von Herrn Semet berichtet, dass das Jobcenter Sigmaringen dem Werkstättle bereits zu Beginn seines Campus-Galli-Engagements finanziell massiv unter die Arme griff (=Steuergeld). Darüberhinaus wurden und werden Förderungen aus dem Europäischen Sozialfond lukriert (=Steuergeld).
Die Beteiligung des Werkstättle am Campus Galli sei aber eine Erfolgsgeschichte. Neun Langzeitarbeitslose - acht davon nach der ersten Saison - wurden vom Campus Galli in ein festes, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis übernommen. Und in der Tat wirkt das auf den ersten Blick positiv. Schaut man hingegen genauer hin, dann stellt sich die Frage, wie viele Langzeitarbeitslose dem gegenüber nach Ablauf ihrer befristeten Anstellung (1-Euro-Jobs) nicht behalten, sondern schnurstracks zum Jobcenter zurückgeschickt wurden? Es dürften in den letzten vier Jahren etliche gewesen sein.
Und wurde eigentlich je eine seriöse Projekt-Evaluierung vorgenommen, in der prozentuell aufgeschlüsselt ist, wie viele dieser Langzeitarbeitslosen aufgrund ihres vom Campus Galli erhaltenen Arbeitszeugnisses zumindest anderenorts eine Anstellung fanden bzw. in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden konnten (was nämlich das angebliche Ziel ist)? Nein, dazu gibt es bisher nichts, nada, nihil.
Es entsteht daher aus meiner Sicht der unschöne Verdacht, dass beim als 'teil-kommunal' zu bezeichnenden Campus Galli vor allem das Ausnutzen der Arbeitskraft von Langzeitarbeitslose im Vordergrund steht; ermöglicht durch eine Art 'public-privat partnership'.

➤ Der nächste Beitrag stammt aus der Feder des Mineralienhändlers Schinko. Er betreibt auf dem Gelände des Campus Galli eine kleine Verkaufsbude, in der allerlei Nippes auf Steinbasis angeboten wird. Und so sinnfrei seine Anwesenheit auf einer frühmittelalterlichen Baustelle ist, so sinnfrei sind größtenteils auch seine oberflächlichen Einlassungen zu Mineralien in diesem als "Chronik" bezeichneten Heft.
Darüber hinaus unterliefen Herrn Schinko Fehler, wie etwa auf Seite 82, wo er die karolingische Epoche zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ansiedelt - vermutlich eine Verwechslung mit der Wikingerzeit ...
So weit, so schlecht. Doch dann - beim Barte des Propheten! - wird's spannend! Der gute Mann schreibt nämlich folgendes:

"Große religiöse Bedeutung erlangte Bernstein bei [...] den Mohammedanern für die Fertigung von Gebetsschnüren (Teshbi)."

"Mohammedaner"? Was für ein schlimmer Fauxpas, ist doch dieser Begriff laut offiziöser Sprachpolizei abwertend konnotiert und sollte daher tunlichst vermieden werden (fast schon handelt es sich dabei um ein Äquivalent zum "Neger(kuss)").
Freilich, von mir aus kann der Verfasser Mohammedaner oder wahlweise auch gerne Muselmanen schreiben, so viel er will. Mich stört das nicht im Geringsten. Doch auf der anderen Seite ist der quasi staatsnahe Campus Galli selbstredend Teil der politisch korrekten Blase, in der man für gewöhnlich großen Wert auf derlei Feinheiten legt. Was mögen demnach die Mitglieder der Geschäfts- und Vereinsleitung für Gesichter gemacht haben, als ihnen beim erstmaligen Durchlesen des Hefts diese Wortwahl ins Auge sprang? 
Nachdem der Autor mit seinen Ausführungen zu einem Ende gelangt ist, zieht er folgenden Schluss.

"Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viele der heute beliebten Edelsteine bereits im frühen Mittelalter gehandelt und bearbeitet wurden." 

Wow, wer hätte das gedacht?! 😊

➤ Natürlich darf der Aufruf, Mitglied des Freundeskreises der Karolingischen Klosterstadt (=Campus Galli) zu werden, nicht fehlen. Für 36 Euro pro Jahr erwarten einen: ermäßigter Eintritt, regelmäßige Informationen über das Fortkommen der Arbeiten sowie - kein Scherz - ein gutes Gefühl ...
Wer mag, so heißt es weiter, kann auch einfach nur so drauflos spenden. Ja dann ...

➤ Den Abschluss des Hefts bildet der Bericht über ein Treffen des Freundeskreises, bei dem mittelalterartiges Brot gebacken wurde. Kein übermäßig spannendes Event, aber zumindest 'on-topic'.

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Wie bereits eingangs erwähnt, ist dieses Heft keine Chronik, sondern vielmehr eine verkappte Anthologie. Empfehlenswert allenfalls für Vereinsmitglieder und Hardcore-Fans des Projekts. Wobei erstere das Heft ohnehin kostenlos erhalten (bzw. mit ihrem jährlichen Beiträge bezahlen ^^).
Übrigens, vom Freundeskreis wurde in den Medien bejammert, dass es schwer fällt, kompetente Autoren für diese Publikation zu finden. Äußerst schwach und eigenartig will mir daher erscheinen, dass hier weder der Geschäftsführer des Projekts - Hannes Napierala - noch der Haushistoriker - Erik Reuter - einen Texte beisteuerten. Man sollte schließlich annehmen, dass gerade diese beiden Herren einiges darüber zu berichten hätten, was sich 2016 auf der Klosterbaustelle tat. Freilich, gerade letzerer ist aufgrund seiner reduzierten rhetorischen Fähigkeiten nicht gerade dafür prädestiniert, sich als Autor zu betätigen. So nimmt es auch nicht Wunder, dass er möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft seines Jobs verlustig geht - wie mir zugeflüstert wurde. Für diesen Fall steht mit Matthias Hofmann ein möglicher Nachfolger in den Startlöchern. Er ist bereits seit einiger Zeit als Gästeführer für den Campus Galli tätig und soll auch gute Beziehungen zur Vereinsleitung unterhalten.

Ich vergebe für die vorliegende Pseudo-Chronik zwei statt nur einen Sterne, weil nicht alle Beiträge eine Themenverfehlung darstellen. Außerdem zeige ich mich für jede gute Gelegenheit erkenntlich, den Campus Knalli und seine Living-History-Legastheniker in die Pfanne zu hauen 😏

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Verwandte Blog-Beiträge:
26: April 2013: Campus Galli: Freilichtmuseum, oder doch verkapptes Disneyland?
18. November 2013: Geurtens Mund, tut Nonsens kund
15. Jänner 2014: Bund der Steuerzahler kritisiert Campus Galli
22. April 2014: Die  Zahlenmagier vom Campus Galli
29. April 2014: Der Campus Galli - Ein pseudowissenschaftliches Laientheater
02. Juni 2014: Campus Galli: The show must go on!
04. August 2014: Hannes Napierala - Der neue Geschäftsführer des Campus Galli
10. September 2014: Der Campus Galli ist kein wissenschaftliches, sondern ein touristisches Projekt!
12. Dezember 2014: Der Campus Galli und seine Mittelalterversteher - Ein Fass ohne Boden
26. Jänner 2015: Gastbeitrag von Hannes Napierala: Zum Selbstverständnis des Projekts Campus Galli
30. Jänner 2015: Campus Galli: Nachbetrachtungen und neuer Unsinn von einem alten Bekannten
23. März 2015: Des Klosters neue Kleider - außen hui, innen pfui
12. Oktober 2015: Das potemkinsche Dorf Campus Galli - Ein kritischer Jahresrückblick
25. Oktober 2015: Weltsensation - Campus Galli rekonstruiert mittelalterlichen Traktor!
01. November 2015: Kauf dir ein paar Kritiker: Die fragwürdigen Jobangebote des Campus Galli
10. April 2016: Campus Galli: Offener Brief an den Geschäftsführer Hannes Napierala
28. August 2016: Der Campus Galli - Ein tolldreistes Medienmärchen
20. November 2016: Finanzmarode Mittelalter-Baustelle Campus Galli wird Prognosen wieder nicht erreichen!
19. Mai 2017: Chronik des Campus Galli 2017 - Von "Mohamedanern" und lässig verteiltem Steuergeld

Alle meine Beiträge über den Campus Galli - inkl. der hier nicht gelisteten Kurzmeldungen


Ausgewählte externe Beiträge und Artikel:

Karfunkel: Causa Galli - Was ist los am Bodensee? - OFFLINE
Aachener Zeitung: Dunkle Wolken über der Klosterstadt - Klick mich
Bund der Steuerzahler: Kommt die Kloster-Katastrophe? - OFFLINE
Zollern-Alb-Kurier: Meßkirch muss nachschießen - OFFLINE
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs):  Die Akte Campus Galli - Klick mich
Agis kritischer Bildbericht vom Campus Galli: Klick mich
Tribur.de (Geschichte und so Zeugs): Spiegel Geschichte und der Campus Galli - Klick mich
Badische Zeitung: Mittelalter-Stadt "Campus Galli" - Weniger Besucher, mehr Kritik - Klick mich

Donnerstag, 18. Mai 2017

Krimskrams: Kassian, der prügelnde Heilige -- Mein Kaiser, mein Herr -- Fernsehprogramm à la ZDF -- usw.

Kassian, der prügelnde  Heilige

Kassian von Imola war nicht nur Schulmeister, sondern dürfte auch ein echter Sympathieträger gewesen sein. Der christliche Heilige wurde, nachdem er im Zuge spätantiker Christenverfolgung seiner Religion nicht abschwören wollte, zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung der Strafe überließ man seinen eigenen Schülern, die ihn erbost mit ihren metallenen Schreibgriffeln marterten. Kassian soll sie als Lehrer körperlich oft gezüchtigt haben ...
Nun war das Verprügeln von Schülern freilich fester Bestandteil antiker Pädagogik. Allerdings dürfte es der heilige Kassian damit ordentlich übertrieben haben, wenn ihn seine Schüler deshalb gleich mit Freude abstachen. Jedenfalls würde der gute Mann heutzutage wohl nicht mehr so ohne Weiteres die Kriterien zur Heiligsprechung erfüllen. ^^

Übrigens: Der beinahe zeitgleich mit Kassian lebende Augustinus berichtete mit Abscheu und Unbehagen von seiner eigenen Erfahrungen als Schüler. Prügel wurden von den Alten zwar gelobt, meinte er, aber durch diese Erziehungsmethoden "vervielfachte man nur die Mühe und Not der Kinder Adams." 

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Mein Kaiser, mein Herr (Zufälle gibt es ...)

Ich lausche seit ca. einer Woche dem Hörbuch Mein Kaiser, mein Herr, das vollständig auf dem gleichnamigen Roman von Siegfried Obermeier beruht. Der Leser/Hörer begleitet darin Gerold - den fiktiven illegitimen Sohn des bayerischen Herzogs Tassilo - durch sein langes, abwechslungsreiches Leben, das er vor allem im Dienste Karls des Großen verbringt. Dabei übernimmt Gerold verschiedene Aufgabe, wie die des Soldaten, des Lehrers, des Dolmetschers oder des Gesandten.
Irgendwann im Verlauf der Geschichte büxt Gerold mit seiner Geliebten Hildtrud - einer Tochter Karls des Großen - aus. Um nicht erkannt zu werden, verkleiden sich die beiden. Gerold mimt dabei einen zur Pilgerfahrt verdonnerten Händler, während Hildtrud ihr Haare schert und sich als Diener ausgibt, der  - man glaubt es kaum - den Namen Hiltibold trägt 😊.

Ein wirklich lustiger Zufall, denn ich habe mir genau diesen Namen ja ursprünglich deshalb ausgesucht, weil er vor allem in dieser Schreibweise recht selten ist.

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Fernsehprogramm à la ZDF


Hmmm, handelt es sich bei der folgenden Zusammenstellung, die einen Ausschnitt aus lediglich sechs Tagen ZDF-Programm zeigt, um ein starkes Indiz für einen veritablen Dachschaden der Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens? Klick mich
Im Angesicht dieser immensen Schlagseite ist es jedenfalls kein Wunder, dass große Teile der Menschheitsgeschichte im deutschen Fernsehen nur unter ferner liefen abgehandelt werden. Freilich, der ORF ist da noch viel schlimmer! Abseits von Natur-Dokus bekommen die Fernsehmacher auf dem Küniglberg so gut wie nichts auf die Reihe. Am besten man meldet den ORF ab und spendet die eingesparten Gebühren guten Alternativmedien der eigenen Wahl.

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Forscher entdecken in österreichischem Kloster ältestes Schriftstück auf Deutsch ...

... schreibt die Berliner Zeitung: Klick mich

Übrigens, am 14. Mai hat auch die Kronenzeitung in ihrer Druckausgabe dazu einen Beitrag gebracht. Da heißt es in einem Interview unter anderem:
Frage: Warum ist dieser Fund so einzigartig?
Antwort: Es handelt sich um die erste Verschriftlichung der deutschen Sprache.
Nein, richtigerweise müsste es heißen, dass es sich um die bis dato älterste entdeckte Überlieferung handelt ...
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Das fetzt


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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Dienstag, 16. Mai 2017

Hörbares: Johannes Fried über die Karolinger -- Forschungstaucher -- Götterdämmerung im Römischen Reich -- Homo Naledi -- usw.



Interview mit Johannes Fried - Thema "Karolinger" | Spieldauer 42 Minuten | ARD/HR | Stream & Info | Direkter Download

Interview mit dem Forschungstaucher Florian Huber | Spieldauer 37 Minuten | ARD/RB | Stream & Info | Direkter Download

"Gegen Julian" - Götterdämmerung im Römischen Reich | Spieldauer 8 Minuten | ARD/DF | Stream & Info | Direkter Download

Der Archäologe Johann Joachim Winckelmann und ein historischer Geheimcode | Spieldauer 14 Minuten | ARD/RBB | Stream & Info 

Homo Naledi: Frühmenschen lebten zeitgleich mit Homo Sapiens | Spieldauer 6 Minuten | ARD/WDR | Stream & Info | Direkter Download

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Montag, 15. Mai 2017

Videos: Römischer Streitwagen gegen Ferrari -- Scheiterhaufen -- Weltkulturerbe Uruk -- Steinzeit-Siedlung entdeckt -- "Einzischartische" antike Kostbarkeiten

Römischer Streitwagen gegen Ferrari | Spieldauer 3 Minuten | MDR/ARD | Stream & Info

Erinnerungen an den Scheiterhaufen | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

7500 Jahre alte Steinzeit-Siedlung entdeckt | Spieldauer 2 Minuten | SWR/ARD | Stream & Info

Archäologisches Zentrum in Mainz: "Einzischartische" antike Kostbarkeiten ziehen um | Spieldauer 2 Minuten | ARD/SWR | Stream & Info | Direkter Download

Weltkulturerbe Uruk - Trainingsprogramme des Iraqi-German Expert Forum | Spieldauer 11 Minuten | DAI / Youtube



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Samstag, 13. Mai 2017

Mysteriöse Erdställe als Klangräume und Orte der Heilung? - Ein Interview mit der Forscherin Birgit Symader



Erdställe sind ein archäologisches Phänomen, das erst seit wenigen Jahren in den Fokus einer etwas breiteren Öffentlichkeit geraten ist - obschon die Forschungsgeschichte bis mindestens in das 19. Jahrhundert zurückreicht. 
Der von der modernen Wissenschaft verwendete Begriff "Erdstall" führt freilich ein wenig in die Irre, denn hier ist keineswegs von einem unterirdischen (Tier-)Stall die Rede. Nein, vielmehr ist damit eine Stelle unter der Erde gemeint; genauer gesagt eine Ansammlung von miteinander verbundenen Hohlräumen, deren tatsächlicher Sinn und Zweck bis dato Rätsel aufgibt.
Auch bei der Datierung dieser Anlagen herrscht unter den Erdstallforschern keine Einstimmigkeit. Einige sprechen von einer möglichen Errichtung im Mittelalter, andere wiederum verorten zumindest einzelne Bauten im Magdalénien (ausgehende Altsteinzeit). Möglicherweise ist beides richtig, denn mit der Bezeichnung "Erdstall" könnte die Forschung unwissentlich zeitlich weit auseinanderliegende Anlagen unter einem Oberbegriff zusammengefasst haben.
Über die Erdstallforschung in der Steiermark wurde hier bereits mehrmals berichtet (Links dazu finden sich am Ende des Beitrages). Doch auch in Bayern gibt es engagierte Forscher, die sich dieses spannenden Themas annehmen. Eine von ihnen ist Birgit Symader, die den Arbeitskreis für Erdstallforschung e.V. leitet. In folgendem Gespräch wird sie Einblick in ihre wissenschaftliche Tätigkeit geben.



Liebe Frau Symader, wie sind Sie dazu gekommen, sich intensiv mit Erdställen zu beschäftigen?
Mein Hobby ist seit etwa 25 Jahren die Höhlenforschung und Archäologie. Gerade bei der Höhlenforschung stolpert man immer über andere unterirdische Anlagen, wie Bergbau, Wassergänge oder eben auch Erdställe. Durch eine örtliche Veränderung in die Oberpfalz wurde das Thema, aufgrund der räumlichen Nähe zu den Erdställen, ein größeres Anliegen für mich - bzw. fast schon mein zweiter Job.   

Wie viele Erdställe konnten bisher in Bayern dokumentiert werden? 
Die Mitglieder in unserem Verein haben bisher gut 50 Anlagen dokumentiert und weiteren 580 Anlagen Aufgrund von Hinweisen oder Überlieferungen in eine Datenbank aufgenommen. Die Dokumentationen enthalten meistens eine detaillierte Gangbeschreibung, Pläne und Bilder. 

Wie hoch ist ungefähr der Anteil jener bayerischen Erdstall-Anlagen, die archäologisch sorgfältig erforscht werden konnten? Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass bei der überwiegenden Anzahl aus Kostengründen nur ein eine rudimentäre Dokumentation stattfindet, oder?
Archäologisch wurden bisher nur wenige Anlagen untersucht. Und zwar die Anlage in 🔼Mitterschneidhart (Lkr. Kelheim), Prof. Rind / Kaulich; 🔼Höcherlmühle (Lkr. Schwandorf), Schaller; 🔼Grasfilzing (Lkr. Cham), Symader; 🔼Aumbach (Lkr. Cham), Symader; 🔼Sierning (Oberösterreich) Traxler (Landesmuseum) in Zusammenarbeit mit AK-Erdstallforschung. 
Die archäologische Dokumentation ist für Laien eine Herausforderung. Die Vorgaben für die ehrenamtlichen Helfer sind exakt die gleichen wie für Grabungsfirmen. Viele Ehrenamtler schrecken vor dieser ungemein wichtigen Arbeit zurück. Nicht die Kosten, sondern das Know-How und die Zeit sind das Problem. Nur wenige Mitwirkende in unserem Arbeitskreis nehmen dies auf sich.

Es gibt verschiedene Arten von Erdställen: Gemauerte (Trockenmauer-Bauweise) und in den Fels oder in loses Gestein/Erdreich gegrabene. Dominiert eine bestimmte Bauform in Bayern? Und ist es überhaupt wahrscheinlich, dass beide Bauformen zur selben Zeit 'en vogue' waren? Können nicht relativ lange Zeiträume zwischen dem Entstehen von gemauerten und gegrabenen Erdställen liegen? Werden hier mitunter gar Dinge in einen Topf geworfen, die keinen besonders engen Bezug zueinander haben, außer dass es sich um unterirdische Gänge handelt?
In Bayern sind die Anlagen aus dem anstehenden Fels geschlagen. Trockenmauern sind ganz selten. Die Datierung der Arbeitspuren ist nach jetzigem Stand nicht möglich, es ist lediglich anhand der Bearbeitungsspuren das Arbeitsgerät zu eruieren und dies ist zeitlich einzuordnen.
Ich persönlich würde unterschiedliche Zeitstellungen auf keinen Fall ausschließen. Wir konnten wenige Spuren von unterschiedlichen Bauphase belegen, aber warum sollten die Anlagen nicht auch in unterschiedlichen Epochen genutzt worden sein ...

Sind die Erdställe Ihrer Meinung nach für einen längeren Aufenthalt geeignet? Bei künstlichen Höhlen ist ja speziell die Belüftung häufig ein Problem. Und gibt es bezüglich des Raumklimas bei den verschiedenen Erdstall-Bauformen spürbare Unterschiede? 
Ich denke nicht, dass die Erdställe für einen längeren Aufenthalt gebaut wurden. Der Mensch ist bequem und hätte es sich sicher für längere Zeit auch gemütlich gemacht. Es gibt aber keine Befunde, die auf einen längeren Aufenthalt des Menschen oder anderer Lebewesen hindeuten.
Für kürzere Aufenthalte, als Versteck, sicher eine gutes Plätzchen. Ich habe bei meinen vielen längeren Aufenthalten in Erdställen, aufgrund von Grabungen und Dokumentationen, den Ort immer als angenehm empfunden. Die Belüftung war nur bei stark gestörten Anlagen, durch äußerliche Eingriffe,  ein Problem. 


Sie vertreten die Meinung, dass sich Erdställe - entgegen einer immer wieder geäußerten These - nicht gut als Verstecke vor Räubern oder ähnlich bösen Gesellen geeignet haben. Als Grund führen Sie unter anderem an, dass die in Erdställen oft vorhandenen Schlupfe (siehe obiges Bild) zu eng für dicke Menschen oder Schwangere sind; und das obwohl Frauen in den vergangenen Jahrhunderten - verglichen mit heute - relativ häufig schwanger waren. 
Auch gibt es bisher keine eindeutigen Belege, die eine religiöse Verwendung der unterirdischen Gangsysteme beweist. Als Vorratsräume seien sie ebenfalls nur sehr bedingt geeignet, heißt es.
Stattdessen könnte Ihrer Meinung nach manch Erdstall eventuell zum Kurieren von Krankheiten verwendet worden sein, was sehr spannend klingt. Hat diese Überlegung etwas mit Ihren Versuchen zu tun, das Verhalten von Schwingungen/Resonanzen in Erdställen zu beobachten? Vielleicht können Sie davon Einzelheiten berichten?
Ja, es würde wenig Sinn machen ein Versteck für eine bestimme Zielgruppe zu bauen. Auch als Lager ist es für unser heutiges Verständnis gar nicht gut geeignet, würde man meinen. Leider hat sich bisher niemand wissenschaftlich mit der Theorie Lagerhaltung/Verstecke auseinandergesetzt. Sei es um diese zu belegen oder auszuschließen. Das wäre die normale Vorgehensweise.
Es gibt aktuell eine Wissenschaftlerin, die sich speziell mit dem Thema Lagerhaltung bzw. welches Lagergut zu dem Erdstall passen würde, auseinandersetzt. Wir können jetzt schon auf die Publikation gespannt sein. Allerdings wird dabei immer davon ausgegangen dass wir uns im Mittelalter befinden.  Lebensmittel des Mittelalters, Lebensumstände etc.
Es gibt zwar einige Befunde für das Mittelalter, diese weisen aber auf eine Zeit hin in der die Erdställe nicht mehr für den ursprünglichen Zweck genutzt worden sind. Stattdessen hat man sie als Abfallgruben zweckentfremdet. Meiner Meinung nach sollte man den zeitlichen Rahmen nicht einengen, sondern fragen „wie war es vor 1000 n. Chr.“.
Aber für was ist der Raum Erdstall noch geeignet? Man kennt z.B. aus Ägypten Klangräume. Eine Frage die ich gerne klären möchte: Welche Frequenzen werden im Erdstall aufgebaut, wenn dort z.B. ein Ton eines Instruments abgesetzt wird? Und wie reagiert der menschliche Organismus darauf? In der Elektrotherapie wird mit verschiedenen Frequenzen geheilt, selbst das Schnurren einer Katze hat heilende Wirkung. Diese Tests lassen sich sehr einfach durchführen, sofern man das Equipment und Know-How hat.
Weitere medizinische Aspekte: Der Raum Erstall weist ähnliche Merkmale wie eine Naturhöhle auf, z.B. bei der Luftfeuchtigkeit. Also ein idealer Platz für einen Asthmatiker. Und wie verhalten sich Vierenstämme unter diesen Bedingungen? Welche Krankheiten lassen sich hier besonders gut ausheilen? Alles Fragen mit denen sich bisher noch niemand beschäftigt hat. Es liegt noch viel Forschungsarbeit vor uns. 

In alten österreichischen Kirchendokumenten tauchen Hinweise auf Erdställe ("Schratteln") auf. Wie sieht es bezüglich schriftlichen Überlieferungen in Bayern aus? 
Schlecht. Ein Schriftstück aus dem Bistum Passau soll vorhanden sein, erst letztes Jahr wurde um Einsicht gebeten. 

Lokale Sagen handeln oft von Wesen (z.B. Zwergen), die in Höhlen unter der Erde hausen, woraus bis zu einem gewissen Grad auch ein Zusammenhang mit tatsächlich vorhandenen Erdställen abgeleitet werden kann. Wie stark beziehen Sie solche Informationen bei Ihrer Forschung mit ein? 
Sehr. Wenn es eine Geschichte gibt, ist auch irgendetwas Unterirdisches zu finden - allerdings nicht immer ein Erdstall. Die Geschichte der Schrazeln, Zwerge, Erdweibl, Erdmannli gibt es überall wo es unterirdische Anlagen gibt. Es war für die Menschen ja auch eine gute Erklärung, denn wer sonst soll dort gelebt haben? In Arnschwang in der Oberpfalz gab es im letzten Jahrhundert jemanden, der den "Schrazn" noch etwas zum Essen und sogar Kleidung hingelegt hat.
Fakt ist, die kleinen Wesen sind in den Erzählungen allesamt nett zum Menschen. Dann macht der Mensch einen Fehler und sie verschwinden. 

Ein kritischer Punkt ist die Datierung. Manch Forscher meint, die Erdställe stammen allesamt aus dem Mittelalter. Als 'Beweis' führt man einige wenige Holzkohlereste aus Erdställen an, die mittels C14-Methode untersucht bzw. datiert wurden. Äußerst Problematisch hierbei ist freilich, dass diese Holzkohlestückchen genauso gut im Zuge einer Sekundärnutzung der Anlagen eingebracht worden sein könnten, die ja bei nicht wenigen Erdställen tatsächlich dokumentiert ist. Die verlässliche Absolut-Datierung eines Erdstalls ist mir dieser Methode daher nicht möglich, oder?
Nein, das denke ich nicht. Wir können davon ausgehen dass die Erdställe etwa ab dem 12. - 13. Jhd. nicht mehr zu dem ursprünglichen Zweck genutzt wurden. Eingebrachte Funde belegen dies, und diese sind in der Regel aus dem 11-14 Jahrhundert. Die letzte Datierung aus dem Erdstall Grasfilzing belegte sehr gut eine mögliche Nutzung bis in das 13. Jhd. Eine eingebrachte Pflanzenschicht die direkt auf dem Boden auflag ist mir der Nutzungszeit in Verbindung zu bringen.
Eine Datierung zur Entstehung gibt es im Ansatz nur bei dem Erdstall Höcherlmühle bzw. einem dort befindlichen Bauschacht (um 1000 n. Chr.) - sofern man davon ausgeht, das letzerer direkt im Anschluss an seine Fertigstellung verschlossen wurde. Aber bei lediglich einem gegrabenen Bauschacht ist es nicht sinnvoll, die Befunde auf alle Erdställe umzulegen. Wenn wir 20 archäologisch untersuchte Bauschächte haben, könnte man sicher eine Aussage treffen, doch jetzt ist so etwas eigentlich noch nicht möglich. 

Im Falle einer intensiven Sekundärnutzung der Erdställe kann von der Möglichkeit ausgegangen werden, dass älteres Material im Zuge von Reinigungsarbeiten entfernt wurde. Selbiges könnte bei späteren Erweiterungen der Anlagen - die in einigen Fällen nachweisbar sind - geschehen sein. Erschweren diese Unwägbarkeiten verlässliche Aussagen zum Alter einzelner oder gar aller Erdställe nicht ungemein?
Ja natürlich. Bei den meisten bestehenden Anlagen ist es schwierig noch Befunde zu rekonstruieren Es wurde auch meistens bei den ersten Begehungen davon ausgegangen dass die Funde nicht zur Nutzzeit gehören und somit nicht wichtig sind. Das ist schade, denn auch diese Funde wären wichtig gewesen. Daher kommt übrigens auch die allgemeine Aussage „Erdställe sind fundleer“. Sie sind definitiv nicht fundleer, 

Erdstallforscher in der Steiermark erklären, dass sie mittels der sogenannten TCN-Methode (Terrestrial Cosmogenic Nuklides), die seit einigen Jahren in der Archäologie angewendet wird, in der Lage sind, unter bestimmten Umständen das bearbeitete Gestein von Erdställen direkt zu datieren. Und zwar dann, wenn diese in Trockenmauer-Bauweise errichtet wurden. Sie kommen hierbei auf ein Alter, das einen Entstehungszeitpunkt nahelegt, der etliche Jahrtausende vor der Zeitendwende angesiedelt ist. Wie sehen Sie die Sache? Wäre TCN eine (zugegebenermaßen nicht gerade billige) Untersuchungsmethode, die zukünftig auch für Ihre Forschung in Bayern eine Option darstellen könnte?
Für die Datierung mit der TCN-Methode sind unserer Erdställe nicht gut geeignet. Es bedarf eingebauter Steine/Platten, die an der Oberfläche gebrochen wurden. Wir haben z.B. lediglich eingebrachte Mühlsteine, die sicherlich an der Oberfläche gefertigt wurden. Es fehlen aber die Referenz-Steinbrüche dazu.
Außerdem muss ich gestehen, fehlt es uns am Know-How, die Proben zu entnehmen und für mich wäre eine Interpretation das noch größere Problem. Meiner Meinung nach kann ich nicht davon ausgehen - nehmen wir das Beispiel mit dem Mühlstein - dass dieser mit der Bauzeit unmittelbar in Verbindung steht. Er kann ja auch schon Jahrhunderte lang anderweitig benutzt worden sein.

In der Steiermark (Raum Vorau) wurden von Heinrich Kusch sogenannte Lochsteine in Zusammenhang mit Erdställen gebracht. Hat man in Bayern ähnliches beobachtet oder sind Lochsteine bei Ihnen nicht weit genug verbreitet, um solche Schlüsse zu ziehen?
Lochstein-Reihen, wie sie das Vorauer Gebiet durchziehen, haben wir in Bayern nicht. Erst kürzlich bin ich aber über einen „gestolpert“. Und zwar im Gebiet Untergriesbach bei Passau. Dort wurde ich für eine Expertise zu einem unterirdischen Gang gerufen. Vorab waren einige interessante Indizien bekannt:
🔼 Unmittelbar nördlich ein ehemaliger Burgstall aus dem Hochmittelalter.
🔼 800 Meter südwestlich ein ehemaliger Herrensitz.
🔼 Ein unterirdischer Gang soll lt. Überlieferung die beiden Anwesen verbinden.
Die Fakten waren:
🔼 Ein Gang existierte etwas südlich des Burgstalls.
🔼 Es handelte sich um einen Bergbaustollen aus dem Mittelalter und der Verlauf ging in Richtung des Herrensitzes, war aber nach 70m verschüttet.
🔼Im Ort stand ein Lochstein. Dieser Lochstein stand ursprünglich am ehemaligen Herrensitz mit noch zwei weiteren.
Jetzt könnte man natürlich spekulieren. Ich bin jedenfalls sehr froh, durch Dr. Kusch auf Lochsteine sensibel zur reagieren. Sie werden auch immer eingemessen und in den Berichten mit beschrieben. Wer weiß, wann diese Information von Nutzen sein wird.

Immer wieder stößt man bei Bauarbeiten auf Erdställe; oder Bauern brechen mit ihren Traktoren in diese Hohlräume ein. Manch Entdecker wird sie einfach verfüllen, ohne den Denkmalschutz zu informieren. Und das wohl nicht nur aus Unwissenheit, denn dem Grundstückseigentümer drohen in Bayern bei einer Meldung erhebliche Kosten, die ihm für die fachgerechte Dokumentation eines solchen Bodendenkmals aufgebrummt werden können. Doch hier springen nun Sie und Ihr gemeinnütziger Verein helfend ein und erledigen die anfallende archäologische Arbeit quasi kostenlos. Sind Ihnen deshalb die kommerziellen Grabungsfirmen, die so um Aufträge umfallen, ein bisschen böse? Oder besteht hier keine direkte Konkurrenz?
Dies kann ich jetzt nicht so einfach beantworten. Üblicherweise wird bei einem Bodendenkmal, das z.B. bei Erschließung eines Baugebiets gefunden wird, eine Grabung durchgeführt. Das Bodendenkmal wird dabei zerstört, somit muss es entsprechenden den Vorgaben dokumentiert werden. Die Kosten übernimmt in diesem Fall der Eigentümer. Dies kann bei einer Grabung schon in die Tausende gehen. Die Entscheidung was gegraben wird und was nicht, trifft das Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) oder die Kreisarchäologie. Die Erdställe, die bisher einer Baustelle gewichen sind, wurden leider nicht gemeldet, sie waren dann halt einfach mal weg. Es wurden keine archäologischen Dokumentationen durchgeführt.
Sehr schade, denn wir als Verein würden so etwas für den Eigentümer übernehmen. Die Zerstörung eines Erdstalles ist leider per Gesetz nur eine Ordnungswidrigkeit und kostet nicht besonders viel Strafe.
Es ist traurig wie viele Erdställe die letzten 30 Jahre schon weichen mussten und nicht mehr dokumentiert werden konnten. Dies ist eine große Aufgabe, die der Arbeitskreis zusammen mit dem BLfD stemmen möchte. Es gab schon Gespräch mit den Zuständigen der Bodendenkmalpflege und ein Konzept für die Erdställe wird die nächsten Jahre umgesetzt werden. Das beinhaltet unter anderem die Erdställe in die „Vorgaben zur Dokumentation“ speziell mit einzubinden, damit sichergestellt ist, Erdställe vor Raubgräbereien zu bewahren. Diese Dokumentationen könnten dann natürlich auch Grabungsfirmen durchführen.
Bisher, bei all meinen Erdstall Sicherungen und archäologischen Dokumentationen, wurde der Eigentümer nicht belastet (Im Detail nachzulesen in unseren Jahresschriften 41 und 42). Die Gelder wurden von uns vom Bezirk, Gemeinde oder vom BLfD beantragt. Die Arbeiten wurden vom AK geleistet. Ich hoffe sehr, dass es uns so gelingt weitere Zerstörungen der Erdställe zu verhindern.
Tja, und ob uns die Grabungsfirmen böse sind, weiß ich nicht. Ich arbeite ja selbst in einer und ich kann nur sagen, viele meiner Kollegen haben mit dem Thema Erdstall noch „Berührungsprobleme“. Trotz meiner Aufklärungsarbeit ist eben ein neolithisches Gräberfeld interessanter 😊

Das Thema Erdstall dem Ottonormalbürger zu vermitteln, ist eine Aufgabe, die Ihr Verein ebenfalls in Angriff genommen hat. Neben einigen für die Öffentlichkeit begehbaren Anlagen ist mittlerweile sogar ein europäisches Erdstall-Forschungszentrum in Planung. Was hat es damit auf sich?
Ja, es wird ein Europäisches Erdstallforschungszentrum mit archäologischer Dokumentation - wie der offizielle Titel lautet - geben.
Mitten in der Oberpfalz - in Neukirchen-Balbini - hat die Gemeinde ein denkmalgeschütztes Haus, mit einem Erdstall im Keller, erworben, das ab 2019 als Museum vorgesehen ist. Die Forschungsergebnisse unseres deutsch–österreichischen Vereins und der europäischen Schwestergesellschaften werden zusammengeführt und bilden somit die Grundlage für die weiterführende Erdstallforschung in Europa. Das Museum dient damit als Basis-Station für die Mitglieder des Arbeitskreises e.V. und als Informationsquelle für die zuständigen Ämter, für Universitäten, Schulen und heimatgeschichtlich interessierte Privatpersonen. Es werden archäologische Funde ausgestellt und ein Periskop gibt einen Blick in die Endkammer des Erdstalls. Die Themen werden von den Sagenwelten bis zu der Erbauung eines Erdstalles das Komplette Spektrum abdecken. Im Haus sind auch unser Archiv und eine Bibliothek untergebracht, die wir dem Fachpublikum zur Verfügung stellen.
Derzeit beschäftigen wir uns noch mit dem Konzept, das wir zusammen mit der Firma archaeotext ausarbeiten. Bis zur Museumseröffnung 2019 werden steht uns noch viel Arbeit bevor.

Was sind, neben dem Erdstall-Forschungszentrum Ihre Pläne für die Zukunft? Gibt es etwas, das Sie besonders gerne näher erforschen würden?
Derzeit arbeite ich meine letzte Erdstall-Grabung auf. Dabei werde ich versuchen, einen Abdruck der Bearbeitungsspuren zu machen. Es geht mir darum, eine größere Fläche des Felsens mit einer Abformmasse abzubilden. Dieses könnte z.B. in Gips gegossen ein prima Ausstellungsstück für unser Museum abgeben. In der Anlage sind auch schöne Kienspanlöcher, die abzuformen mir hoffentlich ebenfalls gelingt.
Außerdem möchte ich gerne weitere Resonanz-Tests durchführen. Leider ist mein bisheriger Partner für dieses Experiment plötzlich verstorben, somit musste ich es erst mal auf Eis legen. Es wird sich hoffentlich noch jemand finden.
Mir ist sehr daran gelegen, die Erdställe in den nächsten Jahren als ernstzunehmendes Forschungsobjekt zu etablieren. Es gibt noch viel zu erforschen.
Dann werde ich weiter daran arbeiten, dass die Erdstallbesitzer mit uns und den BLfD kooperieren, um weiter Zerstörungen der Erdställe zu verhindern. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen für das Thema begeistern könnten und uns im Arbeitskreis unterstützen. 

Diesem Wunsch schließe ich mich an. Und vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, das interessante Thema Erdstall hier näher zu erörtern. 



Weiterführende Informationen:

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Mittwoch, 10. Mai 2017

Krimskrams: Antike Mode -- Attila, der Menschenfreund - Wikipedia und die Quellen

Antike Mode

Der eine oder andere Leser dürfte den Autor Ritchie Pogorzelski kennen. Von ihm stammen beispielsweise die beiden bei Nünnerich-Asmus erschienen Bücher "Die Prätorianer. Folterknechte oder Elitetruppe?" sowie "Der Triumph: Siegesfeiern im antiken Rom - Ihre Dokumentation auf Ehrenbögen in Farbe". Letzteres Buch habe ich kürzlich mit Interesse gelesen und werde es in nicht allzu ferner Zukunft im Blog besprechen.

Nun hat Ritchie Pogorzelski ein neues Projekt in Angriff genommen, das den Titel "Antike Mode" trägt. Es soll diesmal - abseits eines Verlages - mittels Crowdfunding finanziert werden (siehe hier den bisherigen Fortschritt). Explizit wird darauf hingewiesen, dass auch Reenactors zur Zielgruppe dieser wohl mehrteiligen Publikation gehören.



Mein persönliches Resümee zu diesem Video lautet folgendermaßen 😉  Klick mich

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Wikipedia und die Quellen

Im Wiki-Watch-Blog widmet man sich der Frage, wie sorgfältig bei Wikipedia mit Quellen umgegangen wird. Es ist beispielsweise fraglich ...
"...wie viele Wikipedia Autoren tatsächlich vorrangig nach möglichst neutralen, aktuellen und fachlich hochwertigen Buchveröffentlichungen als Belege für ihre Artikel suchen." 
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Attila, der Menschenfreund

Eines der Hauptprobleme der offiziösen Geschichtsforschung ist seit jeher ihr Hang, dem jeweils herrschenden Zeitgeist nach dem Mund zu reden. Unter anderem äußert sich das durch den Versuch, für ein in der Gegenwart beheimatetes Anliegen Belege in der Vergangenheit zu finden. Quellen, die das erhoffte Bild nicht bestätigen, werden zuerst relativiert und im Laufe der Zeit aussortiert. Beispielsweise wird Nero seit einigen Jahren zum missverstandener Pazifisten umgemodelt und selbst die große Völkerwanderung in der Spätantike soll in Wahrheit nur den Charakter einer etwas außer Kontrolle geratenen Strand-Party gehabt haben (demzufolge dürften die unzähligen Brandhorizonte jener Zeit bloß von übergroßen Barbecues herrühren).
In dieselbe Kerbe schlägt nun ein Artikel des Online-Standard, in dem es unter der beschönigenden Überschrift Hunnen brachten einen neuen Lebensstil wie folgt heißt:
"Der Einfall der Hunnen ließ das spätrömische Reich erzittern. Ihre Begegnung mit der Bevölkerung der Grenzregionen war aber nicht nur von Gewalt geprägt." [...] Dies ging sogar so weit, dass Angehörige der lokalen Bevölkerung hunnische Bräuche aufgriffen. Wie die Forscher [...] berichten, besaßen einige pannonische Bauern einen künstlich verlängerten Schädelknochen, eine Praxis, die unter zentralasiatischen Reiterstämmen weit verbreitet war. Während römische Schriften fast ausschließlich Konfrontationen mit den Hunnen schildern, zeigen unsere Funde, dass es in Grenzgebieten offenbar bis zu einem gewissen Grad auch zur Koexistenz und Kooperation gekommen sein muss" [...]. In den dunklen Zeiten am Rande des Untergangs dürften viele Menschen die plötzliche Wahlfreiheit zwischen zwei Lebensstilen als neue Chance angesehen haben."
Diese sogenannte "Wahlfreiheit" stand freilich unter dem Motto: Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. Entweder man biederte sich an die neuen Machthaber an oder man war - wenn schon nicht sofort tot - so doch zumindest ein Art Mensch zweiter Klasse mit geringen Aufstiegschancen und zumeist rechtlich minderem Status. Dieser soziale Mechanismus war bereits ein zentraler Aspekt der antiken Romanisierung. Zig andere Kulturen liefern dafür ebenfalls Beispiele.
Ein Leser kommentiert und entlarvt die naive Relativiererei des Artikelautors mit folgenden Worten:


😆

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Weitere interessante Themen auf diesem Blog:

Dienstag, 9. Mai 2017

Videos: Neues Wikinger-Museum -- Außergewöhnliche Mehrfachbestattung des Mittelalters

Ein Neues Wikinger-Museum | Spieldauer 6 Minuten  | ARD | Stream & Info

Im erklärenden Text zum Videobeitrag heißt es:
"Blonde Hünen mit gehörnten Helmen, die brandschatzend durch die Welt zogen. So werden die Wikinger gerne dargestellt."
Von den Hörnerhelmen abgesehen ist daran auch nichts falsch (und selbst die gab es, wenn wohl auch nur im kultischen Bereich).  Und weiter:
"Ein neues Museum in Stockholm zeichnet nun ein umfassenderes Bild und betont auch die Bedeutung der Wikinger-Frauen."
Bitte die Kirche im Dorf bzw. das Drachenschiff im Hafen lassen 😉. Es sollte nämlich bedacht werden, dass sich die Tätigkeiten der Wikingerfrauen nicht wesentlich von ihren Geschlechtsgenossinen in anderen Kulturen des frühmittelalterlichen Europas unterschieden: Man schaute auf Haushalt und Kinder, wenn die Männer nicht zuhause waren. 
Alles sehr wichtig, keine Frage. Aber die häuslichen Leistungen der Frauen haben die Wikinger nicht dermaßen bekannt gemacht, sondern die von ihren Männern durchgeführten Raubzüge; der hierbei entstandene Schaden für die europäische Kultur ist immens - vom verursachten menschlichen Leid gar nicht zu reden. Entsprechend haben sich diese außergewöhnlichen Vorgänge in der Geschichtsschreibung niedergeschlagen.
Was hingegen herausgekommen wäre, wenn diese kriegerische Aufgabe weibliche Wikinger übernommen hätten, lässt sich anhand eines relativ aktuellen Videos erahnen, dass drei schwedische Polizistinnen in Aktion zeigt. Man weiß nicht, ob man darüber lachen oder mitleidig den Kopf schütteln soll ...

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Eine außergewöhnliche Mehrfachbestattung des Mittelalters an der Spitalkirche von Amberg | Spieldauer 11 Minuten  | Schauhütte Archäologie | Stream & Info

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Sonntag, 7. Mai 2017

Hörbares: Katharina von Bora -- Der deutsche Bauernkrieg -- Die römische Familie -- Giganten der Vergangenheit -- Mörderische Mode -- usw.



Katharina von Bora - Luthers bessere Hälfte? | Spieldauer 23 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Der deutsche Bauernkrieg - Aufstand des gemeinen Mannes | Spieldauer 22 Minuten | BR | Stream & Info | Direkter Download

Die römische Familie: Begriffsdefinition „Familia“ – Nomenklatur – Agnetisches Prinzip – Zentrale Rolle des „pater familias“ | Spieldauer 59 Minuten | Freies Radio Freistadt | Stream & Info

(Off-Topic) Höhlenbär, Säbelzahn und Co. - Giganten der Vergangenheit | Spieldauer 21 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

(Off-Topic) Löwe und Flusspferd in Mitteleuropa - Ein Gespräch mit dem Paläontologen Wighart von Koenigswald | Spieldauer 27 Minuten | BR/ARD | Stream & Info | Direkter Download

(Off-Topic) Todschick – Mörderische Mode | Spieldauer 14 Minuten | Das geheime Kabinett | Stream & Info | Direkter Download

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Freitag, 5. Mai 2017

Der Amphoriskos als antiker Vakuum-Korkenzieher?

Große Transport-Amphore mit 
aufgesetztem Amphoriskos
Keine Rechte vorbehalten, doch um die Nennung der
Quelle wird gebeten: HILTIBOLD.Blogspot.com

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Was ist ein sogenannter Amphoriskos? An sich handelt es sich dabei lediglich um die Bezeichnung für eine kleine Amphore. Ähnlich wie im Falle des Alabastrons, so bewahrten die Menschen der Antike auch in einem Amphoriskos  gerne Salböle oder ähnlich kostspielige Flüssigkeiten auf. So weit, so gut.
Nun las ich kürzlich allerdings das äußerst interessante Buch Pompeji - Die Größte Tragödie der Antike; dort wird der Begriff Amphoriskos in einen anderen, mir bisher unbekannten Zusammenhang gebraucht. Der Autor Alberto Angela verweist nämlich auf den spanischen Archäologen Emilio Rodríguez Almeida, der bestimmten Amphoriskoi (mit relativ großen Öffnungen) einen recht erstaunlichen Verwendungszweck zuschreibt: Sie könnten als Vakuum-Korkenzieher für große Amphoren benutzt worden sein. Es heißt dazu:

"Auf den mit Korken oder Terrakotta verschlossenen Deckel wurde eine Schicht kochenden Pechs aufgebracht. Dann stülpte man die Öffnung der kleineren Amphore auf. Das Pech wurde hart, der Amphoriskos war untrennbar mit dem Amphorendeckel verbunden. Die Luft im Amphoriskos erkaltete und zog sich dadurch zusammen. Dies führte zu einem Saugeffekt, mit  dessen Hilfe man ohne große Mühe den mit Gips oder Mörtel versiegelten Amphorendeckel abheben konnte. Die Amphore wurde dabei kein bisschen beschädigt.
Bestätigt wird diese These durch den Fund von Amphoriskoi in Castrum Novum (Santa Severa), die noch Spuren von Pech tragen."    

Eine interessante Überlegung, der man noch hinzufügen sollte, dass die Deckel von Amphoren und anderen Tongefäßen z.T. Griffe aufwiesen. Man benötigte in diesem Fall keinen 'Korkenzieher'.
Auch gab es Verschlüsse, die weniger als Deckel, sondern richtigerweise als Pfropfen bezeichnet werden sollten - siehe etwa hier und hier.

In der Praxis darf man sich den Vorgang des 'Entkorkens' vielleicht so ähnlich vorstellen, wie meine Skizze zeigt: Der festgesaugte Amphoriskos (hier eine Variante ohne Henkel) wird ein klein wenig hin und her gedreht, um den Pfropfen zu lockern, während man gleichzeitig kräftig daran zieht. Es bleibt eigentlich nur noch die Frage: Was würde wohl Otto von Guericke dazu sagen? 😉

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Weiterführende Literatur / Quelle: